Schneeschuhwanderung auf das Weißhorn

Der Gipfel des Weißhorns im Winter

Für die erste Schneeschuhwanderung dieser Wintersaison haben wir uns einen ganz besonderen Gipfel ausgesucht: den südlichsten Südtiroler Dolomitengipfel, das Weißhorn. Eigentlich gehört das Aldeiner Weißhorn, dessen Gipfel, zwar aus Sarldolomit besteht (Gestein aus der mittleren Trias), zu den Fleimstaler Alpen, aber wir Südtiroler sagen trotzdem oft „südlichster Südtiroler Dolomitengipfel“ dazu.

Für Schneeschuhwanderer wie uns, ist der Gipfel im Winter etwas Besonderes. Im Gegensatz zu Skitourengehern wagen wir uns nur auf niedrige Gipfel, mit niedriger Lawinengefahr. Da bleiben nicht allzu viele Bergspitzen übrig.

Das Weißhorn habe ich im Sommer gefühlt schon 100te Male erklommen. Vor allem in Kindertagen, als die Erwachsenen noch keine digitalen Routenplaner hatten und sie darum zum x-ten Mal ihre Hausberge erklommen haben.

Heute im Zeitalter der GPS-Smartphones und digital erfassten Wanderwege will man als Wanderer lieber immer wieder neue Gegenden erkunden. Zumindest bei mir ist das so. Doch obwohl ich gefühlte unzähliger Male am Gipfelkreuz, über dem Bletterbach, gestanden bin, war ich noch nie im Winter, bei Schnee dort oben. Das soll sich heute ändern.

Start in Radein

Eine Winterlandschaft ideal für Schneeschuhwanderer

Vom Parkplatz in Oberradein unter dem Nigglhof geht es recht gemütlich den Forstweg Radein-Jochgrimm hinauf. Bei der Abzweigung mit dem Wanderweg Blauweg/Zirmsteig, der über die Lahnerwiesen führt, schauen wir uns den ungespurten Weg kurz an, entscheiden aber auf der Forststraße zu bleiben. So geht es recht gemütlich mit den Schneeschuhen nicht an den Füßen, sondern auf dem Rucksack, bis zur Abzweigung Isi Hütte, weiter zur Gurndinalm und bis hinüber zum Skibetrieb am Jochgrimm.

Schneeschuhwandern – Jochgrimm – Gipfel Aldeiner Weißhorn

Blick auf das Jochgrimm und das Schwarzhorn

Wir halten nicht an, biegen links ab und steigen die steile, heute schneeweiße Wiese, am Osthang des Aldeiner Weißhorn empor. Der Schnee ist recht hart, es geht auch ohne Schneeschuh gut voran. Oberhalb der Wiese müssten Latschen das Landschaftsbild prägen. Wir sehen keine. Augenscheinlich liegen sie unter der Schneedecke.

Rucksack runter, Fotoapparat raus, klick klick – der Andreas geht derweil voraus. Rucksack wieder rauf, ein Schritt, ein zweiter und schon stecke ich bis zum Hosenboden im tiefen Schnee. Die Schneeschuhspur, der ich gefolgt bin, führt scheinbar nicht genau über dem Sommerwanderweg, sondern über Latschen, die unter der Schneedecke einen Hohlraum bilden.

Mit viel Mühe und kräfteraubender Anstrengung kann ich mich selbst befreien und überlege kurz, ob es nicht doch besser wäre, die Schneeschuhe anzuziehen. Doch der Andreas ist bereits ohne Schneeschuhe etwas voraus und es steht nun nur noch der letzte Anstieg über den Gipfelaufbau bevor.

Ich wage es ohne Schneeschuhe und versuche dem Andreas zu folgen.

Skitour – Abfahrt vom Weißhorn

Skitourengeher, die den Anstieg bereits hinter sich haben und nun die Abfahrt genießen, fahren an mir vorbei. Ein gelb gekleidetes Paar mit einem Husky Hund an der Leine steigt mit Schneeschuhen ab. Plötzlich baumelt der Hund an der Leine. Das Paar muss ihn, auf den Rücken liegend, über dem Hang zu sich zurückziehen. Das schaut etwas komisch aus, vor allem weil man einen Husky, als erprobten Schneehund einordnen würde und nicht versteht, warum der auf dem Schnee Probleme hat. Mir sagt das, dass es nun etwas aufzupassen gilt.

Ein Wegweiser, eingeschneit bis hinauf zu den Schildern, gibt Aufschluss über die Schneetiefe.

Die letzten Meter entlang der Drahtseilpassage stehen an. Jetzt im Winter fast einfacher als im Sommer, obwohl – das Weißhorn gilt generell als unschwieriger Berg.

Auf dem Gipfel des Aldeiner Weißhorns im Winter

Der Gipfel ist geschafft. Das Gipfelkreuz sticht aus dem umgebenden Weiß markant hervor. Mir gefällt vor allem der schneeverweht Gipfelgrat, der im Gipfelkreuz mündet und von einer weißen Berggipfelkette bestehend aus Brenta-Dolomiten, Adamello-Gruppe, Ortlergruppe und Ortlergruppe gekreuzt wird. Herrlich!

360° auf dem Aldeiner Weißhorn im Winter
360° auf dem Aldeiner Weißhorn im Winter

Natürlich begeistert auch der Rundumblick. Von den bereits aufgezählten Berggruppen, Brenta, Adamello, Ortergruppe geht es im Uhrzeigersinn weiter zu den Ötztaler Alpen, Stubaier Alpen, Zillertaler Alpen, den Dolomitengipfeln Schlern, Rosengarten, Latemar, Palagruppe bis hin zum Zwillingsberg Schwarzhorn. Wow!

Ich versuche die Cima Presanella im Adamello Gebiet, wo ich erst kürzlich zwei Mal war (Laghi di Cornisello, Laghi di San Giuliano) auszumachen. Ja kann man sehen.

Der Andreas hat längst sein Brot aufgegessen, bis ich es endlich schaffe, auch einen Happen zu mir zu nehmen. Bevor ich die herrlichen Bilder nicht eingefangen habe, würde ich keinen Bissen runter kriegen.

Bis dato waren wir allein am Gipfel. Nun kommt ein Schneeschuhwanderpaar an. Ich schätze etwas älter als wir, trotzdem augenscheinlich Selfie Liebhaber. Ein Selfie nach dem anderen. Ich schmunzle. Ich kann zwar die Fotomanie 100%ig nachvollziehen, aber die Selfie-Geschichte ist nicht meine Welt.

Abstieg vom Weißhorn

Schnee en masse

Ich entscheide mich für den Abstieg für die Schneeschuhe, der Andreas dagegen. Der Gipfelabstieg ist zwar mit den Schneeschuhen etwas unfeiner als ohne, aber dafür kann ich darunter, ohne auf den Boden zu schauen, sehr zügig schreiten. Und der Andreas büßt seine Entscheidung mit einem Ausrutscher und einer Landung auf dem Hosenboden. So geht das, wenn man die Schneeschuhe lieber auf dem Rucksack trägt.

Begegnung mit dem alten Mann

Ziemlich genau bei der Passage, wo ich beim Aufstieg bis zum Hosenboden eingebrochen bin, treffen wir auf einen alten Mann. Zittrig, laut Kleidung – beige, oft getragene Schnürlsamthose, ein Joppe und grobe Bergschuhe, wie man sie früher hatte, keine Schneeschuhe – sicherlich ein Einheimischer, spurt er 10 m neben dem ausgetretenen Weg durch den Schnee. Ich schätze, der Mann muss mindestens 80 Jahre alt sein. Er ist mit zwei gebogenen Stöcken unterwegs. Das ganze Gehen schaut wackelig aus. Mich zwingt das anzuhalten und den Mann anzusprechen. Wir können uns unmöglich vorstellen wie dieser Opa es allein hier herauf geschafft hat und schon gar nicht, dass er nun auf den Gipfel hinauf will. Auch kapieren wir nicht, warum er nicht auf dem ausgetretenen Weg bleibt.

„Wia geat’s?“

„Guat.“

„Wo geats hin?“

„I gea do umi, weil do isch dr richtige Weg. Zem wo es seids, bricht man ein.“

Mir schwand, dass der Alte ein wenig mehr auf den Kasten hat als ich vermutet hatte. Der spurt scheinbar durch den unbetretenen Schnee, weil er exakt genau weiß, wo darunter der Wanderweg ist und auch genau weiß, dass wir – obwohl wir uns auf der Spur befinden – auf den Latschen stehen, mit dem Risiko jederzeit einbrechen. Ich hatte das beim Aufstieg ja am eigenen Leibe erfahren.

Trotzdem kann ich den Alten unmöglich so weitergehen lassen. Der Gipfelaufbau hat mir einiges an Konzentration und Kraft abverlangt. Ich kann den Opa da nicht allein weiter gehen lassen. Ich versuche es mit:

„Aha, obr wo weiter. Aiu afn Gipfel?”

“Jo.”

“Zem isch ob steil und rutschig. I woas nit ob sel geat…“

Dem alten Mann schwand, dass ich mir Sorgen mache. Er entgegnet:

„I hon schun jemand dabei, der af mi aufpasst.“

Ich sehe aber niemanden. Darum frage ich sicherheitshalber nochmals nach.

„Ah, kimp do hintn nou jemand?”

“Jo.”

“Ok, donn schean Tog!”

Wir gehen weiter. Ich mache mir immer noch Sorgen. Der wird uns wohl nicht angelogen haben? Hinter der nächsten Abbiegung befreit ein Mann, mittleren Alters, eine Bank vom Schnee.

„Keart der olte Monn, do obn zu Ihnen?“

„Jo“

„Ah, ok. Nor isch guat. Wie olt isch der?“

„89“

„Wos 89? Boa und donn geat er nou afn Gipfel aui?“

„Jo er geat olm. Wenn er in Bewegung bleibt, donn bleibt er guat…“

Wir können es nicht fassen. Mit 89 Jahren, im Winter, bei Schnee ohne Schneeschuhe, auf das Weißhorn spuren. Wie viel Leute im gleichen Alter wird es auf dieser Welt geben, die das schaffen?

Überwältigt von so viel körperlicher und geistiger Fitness im hohen Alter wandern wir weiter und steigen bis zum Jochgrimm ab.

Jochgrimm

Auf einen Kaffee können wir nicht verzichten. Wir kehren beim Hotel Schwarzhorn ein, machen es uns auf der Sonnenterrasse, mit Blick auf die Skipiste, gemütlich. Skifahrer mit Handicap bereiten sich auf ein Skivergnügen vor. Ich wusste gar nicht, dass man auch mit dem „Rollstuhl“ Skifahren kann. Da circa 20-30 Leute mit Sitzskiern antanzen, vermute ich, dass es sich um eine Veranstaltung oder ein spezielles Training handeln muss.

Nach der Kaffeepause treten wir noch nicht den Rückweg an. Wir wandern den Perlenweg Richtung Neuhütt entlang. Das ist zwar genau die entgegengesetzte Richtung, als unser Startpunkt und wir müssen genau den gleichen Weg wieder zurück, aber der Weg ist das Ziel. Wir sind zum Schneeschuhwandern hier und nicht weil wir schnell irgendwohin wollen.

Ein tollen Streiflicht umschmeichelt das Schwarzhorn.

So stapfen wir relativ flach, aber immer wieder etwas im Schnee einbrechend – die Schneeschuhe helfen nicht viel, wenn man sie auf dem Rucksack trägt – bis zur Kreuzung mit dem Wanderweg 1A. Ein tief eingeschneiter Wegweiser „Auerleger Alm“ weist nach rechts. Wir könnten nun zur besagten Alm absteigen und dann über der Wanderweg Nr. 2 zurück zum Jochgrimm wandern. Doch die Lust nach Höhenmeter ist nicht allzu hoch. Darum kehren wir einfach um und wandern den Perlenweg zurück zum Jochgrimm. Eine gute Idee wie sich schnell herausstellt. Die untergehende Sonne wirft ein großartiges Streiflicht auf das Schwarzhorn. Herrlich!

Rückweg nach Radein

Mit den Schneeschuhen auf dem Rücken gen Sonnenuntergang

Vom Jochgrimm geht es schnurstracks weiter Richtung Gurndin Alm. Wir sind nun auf dem eingeschneiten Wanderweg Nr. 2. Die Sonne steht sehr tief, ziemlich genau im Gegenlicht. Super! Das sind die Wandermomente, die es in sich haben. Leider kann ich solche Momente viel zu wenig oft genießen. Heute darf es sein. Dem Andreas sei Dank.

Mit der Cima Presanella – höchste Erhebung der Adamello-Gruppe – im Blick nach vorne und dem Schwarzhorn im Rücken geht es zur Gurndin Alm. Dort angekommen beginnt der Himmel über dem Naturpark Brenta-Adamello orange zu leuchten, während er sich über der Ortlergruppe Baby blau und rosa einfärbt. Wow!

Zwischen Gurndin Alm und Ebner Schupfe schieße ich einige Fotos vom Sonnenuntergang. Die Sonne schickt sich an knapp links der Brenta-Dolomiten zu verschwinden. Sie malt orangerotes Licht auf den weißen Schnee. Das verleiht der Landschaft eine eindrucksvolle und besinnliche Stimmung. Wir fühlen uns wie unter dem Weihnachtsbaum.

Schwarzhorn ganz in rot – welche ein tolles Abendrot!

Nach einer Kurve schaut plötzlich das Schwarzhorn zwischen den Bäumen hervor. Eingetaucht in orangeroten Farben bettelt der weiche Gipfel förmlich nach Fotos. Der fast volle Mond verleiht dem Bild das i-Tüpfelchen. Mein Gott was für ein Timing. Ich kann es kaum fassen.

Bei der Ebner Schupfe leuchtet der Himmel über der Brenta und dem Adamello so stark, dass es fast unnatürlich ausschaut. Ein Abendrot wie es im Buche steht. Und – das ist neu für mich – es hält an und hält an und hält an. Von meinem Wohnzimmerfester aus, habe ich schon öfters ein tolles Abendrot beobachtet, aber das hat dann meist nur Minuten lang angehalten. Hier hält es an, und zwar von Sonnenuntergang bis zur Finsternis. Das habe ich so noch nie erlebt. Die reflektierende Wolkendecke scheint heute ideal platziert zu sein.

Christbaum oder einfach nur beleuchteter Baum?

Es wird dunkel. Wir setzen unsere Stirnlampen auf und marschieren so den Radein-Jochgrimm Weg hinunter. Ich will noch nicht direkt zum Auto zurück und überrede den Andreas rechts Richtung Radein Dorfmitte abzubiegen. Der Wanderweg Nr. 7A ist zwar geräumt, aber sehr eisig. Über dem Nigglhof geht es bis zu einem großen Stall. Lexnhof steht am Eingangstor. Ein kahler, aber beleuchteter, Baum dient hier augenscheinlich als Christbaumersatz. Zusammen mit dem Mond schaut das nett aus.

Da ich bis zur Kirche von Radein will, wandern wir gerade aus weiter und kommen so auf den Zirmersteig. Der ist auch geräumt aber noch eisiger als der Weg zuvor. Beim Wegweiser Radein/Kirche biegen wir links ab. Doch der Steig ist nicht gespurt. Wir sehen keine Tritte. Wir müssten die Schneeschuhe anziehen. Dazu haben wir wenig Lust, darum zurück auf den Weg und einfach geradeaus weiter. Theoretisch müssten wir so auf den Europäischen Fernwanderweg treffen und könnten auf dem zurück nach Radein marschieren. Die digitale Wanderkarte bestätigt das, doch lange wird sie nicht mehr helfen können. Der Akku steht bei 1%!

Urplötzlich ist der Weg nicht mehr geräumt. Kein Steig und keine Spuren in Sicht. Ups! Jetzt haben wir es tatsächlich geschafft uns nur wenige Meter vom Dorfzentrum entfernt zu verlaufen. Theoretisch müssten wir nur links querfeldein durch den Wald stapfen und müssten dann direkt ins Dorfzentrum kommen. Doch ohne digitalen Wanderassistenten, bei Nacht, durch tiefen Schnee wollen wir das nicht riskieren. Und außerdem müssten wir dann ja die Schneeschuhe anziehen 😉

So bleibt uns nichts anderes übrig als zurück bis fast zum Lexnhof zu wandern und dann über die Straße zum Parkplatz, wo unser Auto steht, zu marschieren.

GPS-Track Schneeschuhwanderung von Radein auf das Weißhorn

GPX-Track , Position: -km, -m GPX

50 100 150 200 5 10 15 Entfernung (km) Höhe (m)
Name: Keine Daten
Entfernung: Keine Daten
Minimalhöhe: Keine Daten
Maximalhöhe: Keine Daten
Höhengewinn: Keine Daten
Höhenverlust: Keine Daten
Dauer: Keine Daten

Fotos Jochgrimm und Weißhorn

 

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Ein Kommentar über “Schneeschuhwanderung auf das Weißhorn”

  1. Karl-Heinz Weller says:

    Lieber Dietmar und Familie
    Gerade in solch schwierigen, ja existenziell bedrohlichen Zeiten tut es gut, mal solch tolle Bilder die du beim Weißhorn im Winter geschossen hast, anzusehen.

    Ich hoffe von ganzem Herzen, dass du und deine nette Familie vom Virus bisher verschont bleibt.
    Alles, alles Gute und Danke für Deine wunderbaren Bilder, vor allem die vom Sonnenuntergang im Bereich der urigen Gurndi-Alm sind traumhaft schön.
    (Als ich vor ca. 20 Jahren dort war, gab es im Biergarten noch eine urige alte Kegelbahn, gibt es die noch ?)

    Ich hoffe wir sehen und im nächsten Jahr erstmals gesund und munter und können und unter besseren Umständen tatsächlich mal persönlich kennenlernen.
    Noch bin ich selbst gesund und hoffe dass dies so bleibt.

    Bis bald
    Charly

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