Fährt man durch das Fleimstal ins Fassatal hinauf und biegt bei Pozza di Fassa rechts ab, würde man direkt in die naturbelassenen Täler Val San Nicolò und Valle dei Monzoni gelangen. Würde – denn eine Schranke setzt dem Autoverkehr ein Ende. Zum Glück. Sonst wären die beiden Täler vermutlich längst nicht mehr ganz so naturbelassen.
Also parken wir am Parkplatz Vidor auf rund 1.400 Metern und könnten von hier bequem mit dem Shuttlebus in die beiden Täler hineinfahren. Könnten. Doch Andreas und ich sind schließlich zum Wandern hier – und nicht zum Shuttlebussitzen.
Die motorisierte Gehhilfe verschmähen wir also und marschieren gemütlich los. Die Rosengartengruppe im Rücken folgen wir der asphaltierten, aber für den öffentlichen Verkehr gesperrten Straße bergauf. Ein Kreuzweg begleitet uns bis zur Malga al Crocifisso.

Aha. Darum also der Kreuzweg.
Nun heißt es entscheiden: links ins Val San Nicolò oder rechts ins Valle dei Monzoni?
Wir halten uns rechts.
Natürlich, weil ich im Nikolaustal schon einmal war, damals mit der besten Ehefrau von allen.
Nein. Eigentlich nicht deshalb.
Sondern weil wir heute nicht bloß ein Tal durchwandern, sondern einen Gipfel erobern wollen – und zwar einen Aussichtsgipfel, der uns die umliegenden Dolomiten möglichst eindrucksvoll vor die Nase setzen soll.
Unser Ziel ist die Punta Vallaccia auf 2.637 Metern. Sie gehört zum Monzoni-Vallaccia-Kamm und damit zur Marmoladagruppe.
Gefunden habe ich den Gipfel eher auf Umwegen. Eigentlich hatte ich nach Schutzhütten recherchiert, die im Oktober noch geöffnet sind, und bin dabei über das Rifugio Vallaccia gestolpert.
Dessen Öffnungszeiten ließen sich allerdings nicht hundertprozentig festnageln. Auf der Website steht lediglich „bis Anfang Oktober“, ein genauer Stichtag fehlt. Ob wir also einkehren können oder vor verschlossener Tür stehen, bleibt eine kleine Überraschung.
Ist aber auch nicht weiter tragisch. Ich bin mittlerweile ohnehin zum Einmal-am-Tag-Esser mutiert – und dieses eine Mal findet bei mir abends statt. Und Andreas? Der hat ein Brot dabei.
Verhungern werden wir also beide nicht.
Durch das Valle dei Monzoni zur Vallaccia-Hütte
Mittlerweile wandern wir das Valle dei Monzoni in Richtung Malga Monzoni hinauf.
Da dringt plötzlich Motorenlärm durchs Tal. Ein gelber Geländewagen fährt an uns vorbei. Dann noch einer. Und noch einer. Vier, fünf Stück insgesamt. Dahinter Polizei, Feuerwehr und schließlich noch einmal gut ein Dutzend Fahrzeuge der Bergrettung.
Nach Katastrophe sieht das Ganze allerdings erstaunlich wenig aus. Niemand wirkt hektisch. Im Gegenteil: Alle sind ausgesprochen entspannt unterwegs.
Wir tippen deshalb auf eine größere Übung irgendwo weiter oben im Tal.

Da wir die Malga Monzoni auf 1.820 Metern erreichen, bestätigt sich unsere Vermutung: Hier läuft tatsächlich eine Großübung, offenbar eine Suchaktion. Die Bergretter verteilen sich in Gruppen über das Gelände, manche zu Fuß, andere motorisiert.
Wir überlassen die Suche den Experten und wandern gemütlich geradeaus weiter.
Ab hier wird der Weg schlagartig idyllischer. Klar: Wenn man von einer Straße auf einen Wanderpfad wechselt, ist das fast immer so. Diesmal legt allerdings nicht nur der Weg zu. Auch die Landschaft rundherum wird mit jedem Schritt eindrucksvoller.
Nach einer Weggabelung halten wir uns rechts und erreichen bald eine flache Lichtung.
Wow.
Hinter uns baut sich der Costabella-Kamm auf. Breite Schultern, kahle Felsen – und offenbar durchaus überzeugt von sich selbst.
Wir marschieren weiter und landen auf einem Schotterweg, der offenbar beschlossen hat, Höhenmeter möglichst platzsparend zu vernichten. So steil zieht er hinauf, dass wir uns beim besten Willen nicht vorstellen können, dass hier jemand mit einem Fahrzeug hochkommt.
Oben angekommen spazieren wir zu einer Hütte weiter – und werden prompt eines Besseren belehrt. Natürlich steht hier ein Geländewagen der Bergrettung.

Ein schöner Naturzaun begleitet uns noch eine Geländestufe höher. Der Wald lichtet sich zunehmend, bis wir schließlich die Baumgrenze hinter uns lassen.
Plötzlich kreist ein Hubschrauber über dem Tal. Runde um Runde zieht er seine Schleifen. Offenbar gehört auch er zur Übung.
Trotz des Rotorenlärms hört Andreas noch ein anderes Geräusch.
„Da fliegt irgendwo eine Drohne.“
Und tatsächlich: Vor uns stehen zwei Bergretter und starren hochkonzentriert auf das Display einer ziemlich stattlichen Drohnensteuerung.
Wir schreiten weiter. Eine Materialseilbahn lässt bereits vermuten, dass der fahrbare Teil des Weges wohl doch nicht ganz bis zur Vallaccia-Hütte hinaufreicht.
Und wieder haben wir recht.
Rund 100 Höhenmeter unterhalb der Hütte ist endgültig Schluss mit Fahren. Ab hier muss auch der Hüttenwirt zu Fuß weiter.

Die privat geführte Schutzhütte liegt idyllisch und vor allem äußerst aussichtsreich, rund 200 Höhenmeter unterhalb der Cima Undici.
Vor der Tür sitzt ein Mann. Andreas fragt, ob geöffnet sei.
Der Mann verneint.
Ich bin etwas überrascht. Auf der Website der Schutzhütte steht schließlich „Mitte Juni bis Anfang Oktober“. Wir haben den 3. Oktober, der Herbst zeigt sich heuer ausgesprochen gnädig und für das erste Oktoberwochenende ist bestes Wetter vorhergesagt.
Offenbar beginnt „Anfang Oktober“ hier etwas früher als bei mir.

Na ja. Hilft nichts. Schön liegt die Schutzhütte trotzdem – und unser eigentliches Ziel wartet ohnehin noch ein gutes Stück weiter oben.
Das Gelände ist nun ausgesprochen almig. Goldbraunes Gras breitet sich über die Hänge, dazwischen zieht unser Pfad gemächlich bergauf.
Nach einer leichten Biegung verschwindet das Rifugio Vallaccia hinter uns aus dem Blickfeld.
Unter der Punta Vallaccia hinauf zur Costella-Scharte
Kurz darauf stehen wir an einer Weggabelung: rechts zur Cima Undici, links zur Forcella La Costella.
Wir halten uns links.
Zur Costella-Scharte müssen wir hinauf, denn unser Ziel ist die Punta Vallaccia.
Das heißt nun allerdings: Mit geistig gemütlich ist es vorbei.

Unter der imposanten Ostwand der Punta Vallaccia queren wir nun auf einem schmalen, schottrigen Bergsteig ansteigend den Wandfuß in Richtung Scharte.
Besonders ausgesetzt ist der Steig nicht. Einige Passagen sind allerdings recht steil, und auf dem losen Untergrund dürfte der Abstieg durchaus etwas unterhaltsamer werden als der Aufstieg.
Und genau das betrifft uns heute ausnahmsweise einmal.
Denn wir sind – wer hätte das gedacht – auf keiner Rundtour unterwegs. Wir müssen hier tatsächlich wieder hinunter.
Der Grund dafür ist simpel: Eine Umrundung der Punta Vallaccia würde über die Ferrata Franco Gadotti führen. Und Ferrata? Das ist mittlerweile nichts mehr für uns. Früher vielleicht. Heute: nein, danke.

Schließlich erreichen wir die Forcella La Costella auf 2.529 Metern.
Von hier könnten wir über den Monzoni-Kamm auf der Alta Via Bruno Federspiel hinüber zur Bergvagabundenhütte wandern, die wir schon beim Aufstieg entdeckt haben. Anschließend ließe sich auf dem Höhenweg weiter zur Alta Via Bepi Zac queren. Dort zieht einer der schönsten alten Kriegspfade der Dolomiten über den Costabella-Kamm.
Machen wir natürlich nicht!
Dafür liegen uns ein paar Kletterstellen zu viel dazwischen. Außerdem war ich auf der Alta Via Bepi Zac schon einmal. Vor vielen, vielen Jahren zwar – aber ich denke, der Berg hat sich seitdem deutlich weniger verändert als ich.
Punta Vallaccia: Dolomitenkino in Vollausstattung
Also biegen wir rechts ab und stapfen die letzten mickrigen 120 Höhenmeter zum Gipfelkreuz der Punta Vallaccia hinauf.
12.00 Uhr. Wow.
Was für eine Aussicht. Was für ein 360-Grad-Panorama. Dolomitenkino in Vollausstattung.

Ich beginne im Norden: Langkofelgruppe, weiter hinten die Puezgruppe, Sellastock, dahinter die Fanesgruppe, Cima dell’Uomo, Marmolada, Civetta, Pale di San Martino, Lagorai, Latemar – und natürlich Südtirols Hausberg, die Rosengartengruppe.

Natürlich bleibt es nicht bei einem schnellen Gipfelfoto.
Nein. Ich veranstalte eine ausgewachsene Fotosession. Andreas verspeist sein Brot, nimmt seine Denkerrolle ein und überlässt mich meinem fotografischen Wahnsinn. Dabei ist er als Fotomodell erstaunlich geduldig. Ein bisschen wie ein brummiger Braunbär: schwer aus der Ruhe zu bringen und erstaunlich kooperativ, wenn ich ihn wieder einmal irgendwo dekorativ vor einen Berg stelle.

Manchmal ärgere ich mich selbst ein wenig über mich. Arbeiten statt genießen – so ein Schmarren. Andererseits: Heute ist es einfach zu schön. Wir stehen ganz allein auf dem Gipfel, also kann ich mich nach Herzenslust austoben. Und mittlerweile ist es sogar stiller geworden: Die Großübung einige hundert Meter unter uns scheint beendet, und auch die zahlreichen Paragleiter rundherum haben sich offenbar andere Gipfel gesucht.
„Megsch nou do bleiben?“, fragt Andreas nach einer Dreiviertelstunde.
„Jo, weil sunsch sein mir jo viel zu fria drhoam!“, antworte ich und widme mich wieder meiner fotografischen Gipfelvermessung.
Eine weitere halbe Stunde später habe ich den kleinen Gipfel zwar wirklich aus nahezu jedem denkbaren Winkel fotografiert, ans Aufbrechen denke ich trotzdem noch lange nicht. Viel zu schön ist es hier oben.
Dann fällt mein Blick nach Norden.
Knapp unter uns zieht sich der grasige Rücken der Cima Undici dahin.
Und plötzlich habe ich es doch eilig.
Mir schießt nämlich der Gedanke durch den Kopf, dass wir die Cima Undici eigentlich auch noch mitnehmen könnten. Diese glorreiche Idee behalte ich fürs Erste allerdings für mich.
Zuerst müssen wir den rutschigen Bergsteig wieder hinunter.
Dafür habe ich meine Trekkingstöcke dabei. Eigentlich weniger wegen des rutschigen Untergrunds als wegen meiner Knie. Die sollen im Abstieg möglichst geschont werden. Auch deshalb trage ich seit einiger Zeit statt meiner schweren ledernen Meindl leichtere Bergwanderschuhe mit ordentlichem Sohlenprofil.
Bald merke ich allerdings: Ordentliches Sohlenprofil allein ist hier ein bisschen wenig.
Auf solchen Bergsteigen wären meine geliebten Meindl doch nicht die schlechteste Wahl gewesen. Glücklicherweise helfen die Trekkingstöcke ungemein. Sie entlasten die Beine und geben mir gerade so viel zusätzlichen Halt, dass ich kaum ins Rutschen komme.
Bei Andreas schaut die Sache anders aus.
Rutsch – und schon sitzt er auf dem Hosenboden.
Zum Glück auf dem Steig und nicht irgendwo weiter unten.
Das Erlebnis hinterlässt bei ihm sichtbare Spuren. Verständlich. Bei einem ähnlichen Sturz – zwar nicht am Berg – hat er sich die Schulter ausgekugelt. Mit einem lose herumbaumelnden Arm von hier absteigen zu müssen, wäre wahrlich kein Vergnügen.
Also steigen wir nun mit allergrößtem Respekt weiter ab.
Von der Punta Vallaccia noch auf die Cima Undici
Da wir heil am Fuß der Ostwand der Punta Vallaccia ankommen, scheint mir der richtige Zeitpunkt gekommen, Andreas von meiner nächsten großartigen Idee in Kenntnis zu setzen:
„Wir biegen jetzt da vorne links ab und steigen noch auf die Cima Undici aui!“
„Ober lei, wenn’s net so schottrig isch!“
„Koan Problem, isch lei Gros. Hon i fa obm gsechn.“
So ganz traut Andreas meiner Einschätzung allerdings nicht.
„Bisch ober du schuld, wenn i mir heint wieder die Schulter aushagle.“
Ist zwar nicht ganz leicht, so eine schwere Bürde zu tragen. Aber im Aufstieg habe ich noch Kraft genug. Ich nehme sie auf mich. Und was den Abstieg betrifft – na ja, zuerst einmal rauf.
Cima Undici – der zweite Gipfel muss noch sein
Der Abstecher zur Cima Undici erweist sich tatsächlich genau so, wie ich ihn mir von oben vorgestellt habe: ein unschwieriger Aufstieg und anschließend ein breiter, grasiger Bergrücken, der auf der Westseite allerdings beeindruckend senkrecht abbricht.
Dieses Mal sind wir nicht allein.
Ein italienisches Paar steht beim Gipfelmarker. Ein Kreuz gibt es hier nicht. Stattdessen markiert eine mit Steinen gefüllte Metallkonstruktion den höchsten Punkt.
Sehr gut.
Ein zusätzlicher Fotograf fällt da sicher nicht weiter auf.

Wir lassen den Blick wieder einmal volle 360 Grad rundherum schweifen. Natürlich unterscheidet sich das Bergpanorama nicht grundlegend von jenem auf der Punta Vallaccia. Doch die Rosengartengruppe wirkt von hier deutlich näher. Fast zum Greifen nah.
Ganz anders hingegen der Blick hinunter ins Fassatal. Von der Punta Vallaccia hatten wir Moena zu Füßen, von der Cima Undici schauen wir nun auf Pozza di Fassa.
Zwei Gipfel, zwei Dörfer. Passt.
Am liebsten würde ich bis zum Sonnenuntergang hier oben bleiben. Doch das geht heute nicht. Am Abend müssen wir aufs Traminer Herbstfest. Ich habe es Anna versprochen – und versprochen wird nicht gebrochen.
Zurück durchs Valle dei Monzoni nach Vidor
Also steigen wir nach einer guten halben Stunde wieder ab. Zuerst hinunter zur Weggabelung und anschließend zurück zum Rifugio Vallaccia.
Das ist natürlich immer noch geschlossen. Wer hätte das gedacht.
Schade eigentlich. Hier ließe es sich wunderbar noch ein Weilchen aushalten und die tief stehende Sonne über dem Costabella-Kamm genießen. Aber eine geschlossene Hütte wird durch Herumsitzen bekanntlich auch nicht offener. Also weiter.

Der Rückweg ist heute derselbe wie der Hinweg, deshalb gibt es darüber nicht allzu viel Neues zu erzählen.
Eine Entdeckung machen wir allerdings doch. Auf der gegenüberliegenden Talseite, hoch oben im Monzoni-Kamm, fällt uns plötzlich ein Würfel ins Auge. Ja. Ein Würfel. Es ist das Rifugio Taramelli ai Monzoni, ein kantiger Steinbau im Stil der frühen SAT-Hütten, der da oben ziemlich unverwechselbar am Hang sitzt.
Eine leichte Linkskurve, ein paar Schritte in den Wald – und schon ist Schluss mit dem großen Dolomitenkino.
Wir steigen hinunter zur Malga Monzoni, folgen anschließend erst dem Schotterweg und später dem Asphalt bis zur Malga al Crocifisso und wandern schließlich das letzte Stück zurück zum Parkplatz in Vidor.
Damit liegen zwei Gipfel und jede Menge Dolomitenpanorama hinter uns. Eine Rundtour ist es nicht geworden. Eine Einkehr auch nicht. Aber ganz ehrlich: Bei solchen Aussichten kann man über beides großzügig hinwegsehen.
Wanderkarte mit GPS: Punta Vallaccia und Cima Undici
Akt. Position: -km, -m
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Eckdaten der Tour
Bergtour hinauf auf die Punta Vallaccia und die Cima Undici
- Dauer: 7:45 h
- Distanz: 17,6 km
- Bergauf: 1.482 m
- Bergab: 1.479 m
Um welche Art von Tour handelt es sich?
In welcher Region befindet sich die Tour?
Um welche Bergkategorie handelt es sich? Auf welcher Höhe liegt die Tour?
Wie lang ist die Strecke?
Wie streng ist der Aufstieg (Länge, Höhenmeter, Steigung)?
Wie anspruchsvoll ist der Abstieg (Länge, Höhenmeter, Steigung)?
Wie viel Zeit werde ich für die Tour brauchen?
Dieser Wert kann individuell stark variieren. Siehe Gehzeitrechner.
Wie viele Kalorien werden bei der Tour verbrannt?
Es ist zu beachten, dass die Berechnung des Kalorienverbrauchs auf Faustformeln und allerlei Annahmen beruht, z.B. Gewicht=75 kg, Kalorienverbrauchsvorgaben für Aufstieg, Abstieg, flach usw. und daher nur eine Schätzung und keine exakte Angabe liefert. Wenn du deinen Kalorienverbrauch selbst berechnen möchtest, dann schau dir diesen Kalorienrechner an.
Fotos der Wanderung auf Punta Vallaccia und Cima Undici





























































