»Mein« Wanderbuch

Ein Südtirol Wanderführer mit 20 Wohlfühlwegen zum Thema »Wandern für die Seele«

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Eisacktaler Törggelerundwanderung

Geraunze dringt an meine Ohren. Von Anna? Nein, die ist heute nicht mit dabei. Von gestandenen Mannsbildern: „Mir sein do jo ba koan Wettrennen …“

Ich bin überrascht! Ok, mein Auftrag war es nicht eine deftige Bergtour, sondern eine Törggelewanderung zu organisieren. Aber der Auftrag kam von denen, die seinerzeit eine Gewalttour von Meran über die Texelgruppe bis zum Becherhaus absolviert hatten bzw. wollten. Eine Tour so gewaltig, dass ich mich damals nicht fühlte, mitzuwandern. Klar, dass ich mich vor diesem Hintergrund bemüßigt sah für die heutige Törggelewanderung eine ordentliche Strecke und Höhendifferenz einzuplanen. Und nun das Geraunze! Männergeraunze!

Ob ironisch oder ernst gemeint sei dahingestellt, auf jeden Fall lassen sich meine Begleiter nicht so recht zum Schnellerwandern bewegen. Mir wäre es zwar egal wie lange wir für die geplante Runde brauchen, doch ich habe der Wirtin vom Unterfinser Hof, einem historischen Bauernhof in Lajen mit Törggele Tradition, das Versprechen abgegeben um 18.00 Uhr aufzutauchen, und zwar zusammen mit vier hungrigen Männern.

Auf dem Keschtnweg

Wir sind in Waidbruck gestartet, sind Richtung Süden marschiert, sind entlang des Radweges (Radroute 1 „Brenner-Salurn“) geschlendert, haben die Staatsstraße bei Kollmann gequert, sind über Kollmann den Kirchweg hinauf gewandert, sind unter Saubach mitten durch den Mockhof spaziert, sind auf den Saubacher Rundweg gelandet, dann am Pardiller Hof vorbei und anschließend auf einem Feldweg, der mit Kastanienigel gepflastert war, bis zum Keschtnweg aufgestiegen. Der verläuft hier auf der Höhe Saubach-Barbian entlang der Straße.

Hinter uns liegt noch zu wenig Strecke um einschätzen zu können ob unsere Wandergeschwindigkeit dem Zeitplan entspricht. Meinen „Kollegi“ ist das „sauwurscht“.

So marschieren wir gemütlich auf die neue Fußgängerbrücke über den Ganderbach zu. Es ist eine 120 m lange, 3 m breite Spannband-Fußgängerbrücke. So der technische Begriff. Ich betitle sie der Einfachheit halber als Fußgängerhängebrücke, die den 50 m tiefer liegenden Ganderbach überwindet. Wir Törggelewanderer können mit ihrer Hilfe schätzungsweise 300 Meter Fußmarsch einsparen. Das ist gemessen an der geplanten 22 km-Rundwanderung eine recht bescheidene Streckenersparnis. Ein sparsamer Nörgler wird nun fragen warum eine Hängebrücke bauen, die sicherlich viele Euros geschluckt hat, für nur 300 m Ersparnis? Hallo?! Der Weg ist das Ziel! So auch hier. Eine coole Hängebrücke ist für Wanderer und Radfahrer nicht nur sicherer als eine Verkehrsstraße, sondern auch vieeel erlebnisreicher!

Die Fußgängerhängebrücke zwischen Saubach und Barbian
Die Fußgängerhängebrücke zwischen Saubach und Barbian

In Barbian

Wenige 100 Meter nach der Brücke treffen wir auf das Zentrum von Barbian. Ein schneller Kaffee dort drüben bei der Bar, geht das? Ich habe es mittlerweile aufgegeben den Antreiber zu spielen. Natürlich geht das! Aus dem schnellen Kaffee wird eine Runde „Weißn“. Unsere Tischnachbarn bekommen ihren Weißwein in stilgerechten Tulpen-Gläser serviert. Wir in Bauerngläsern. Ok, gehört sich so beim Törggelen im Eisacktal. Trotzdem rümpft der Gastronom in unserer Mitte die Nase und wir anderen Vier wundern uns natürlich auch über die Ungleichbehandlung. Der Wirt traut uns wahrscheinlich nicht zu, seine Gläser unbeschadet zurückzubekommen. Oder wie dürfen wir das verstehen?

Egal, das Ganze hat auch einen Vorteil. Als Weingenießer bedeutet für uns der Ausruf einer „Runde Weißn“ normalerweise einen hohen Zeiteinsatz. Diesmal nicht. Wir machen uns recht flott vom Acker und marschieren alsdann über den Wandersteig Nr. 7 ins Bachbett des Zargenbaches hinunter. Dabei verlieren wir fast 300 Höhenmeter, die wir auf der anderen Hangseite nach Sauders hinauf, teilweise wieder wettmachen müssen.

Blick hinauf ins Eisacktal
Blick hinauf ins Eisacktal

In Villanders

Haben wir zuvor beim Aufstieg nach Barbian vor allem schattige Edelkastanienbäume angetroffen, so wandern wir nach Sauders über den sonnigen Törggelesteig zuerst an Weinberge und dann an Weidewiesen vorbei. Kurz vor Villanders müssten wir eigentlich rechts abbiegen, dem Törggelesteig nach Klausen folgen. Doch scheinbar macht so ein Törggelesteig auch Männer zu Plaudertaschen und so marschieren wir quasselnd, den Weg vergessend, mit uns selbst beschäftigt an der Abzweigung vorbei und landen plötzlich in Villanders. Echte Männer würden natürlich fluchen und sich blau und grün ärgern. Wir nicht. Der Armin lacht und ruft: „Perfekt, die optimale Gelegenheit bei meiner ehemaligen Wirkungsstätte einzukehren!“

Der Ansitz Zum Steinbock in Villanders bietet gehobene Gastronomie. Fürs Mittagessen ist es noch zu früh, aber für ein gutes Flaschl wäre es gerade recht. Und das bekommen wir hier! Stilgerecht serviert und zelebriert, genau nach unserem Geschmack. Und weil alles passt, gönnen wir uns dieses Mal eine Dreiviertelstunde!

Von Villanders wandern wir jetzt auf einer sehr wenig befahrenen Nebenstraße (Wandersteig Nr. 4) in das Künstlerstädtchen Klausen hinunter. Wieder flankieren uns nicht Kastanienbäume, sondern Weinreben. Bald blicken wir auf den Klosterhügel Seeben. Der markante Klosterkomplex gilt als Wiege des Christentums in Tirol. Der Andreas und ich waren voriges Jahr dort. Damals haben wir uns auch eine Törggele-Genusstour gegönnt. Damals sind wir mitten in Klausen gestartet.

In Klausen

Heute ist Klausen unser Halbwegziel und zugleich Mittagsstation. Wir kehren beim Gasslbräu ein. Nicht weil wir zufällig daran vorbeilaufen, nein man muss schon wissen, dass sich in einer der verwinkelten mittelalterlichen Gassen des Städtchens eine Bierbrauerei mit Gastlokal befindet. Der Dietmar weiß es, er hat mit der Brauerei beruflich zu tun.

Obwohl vornehmlich Weintrinker, sind wir uns nicht zu schade auch ein Bier zu kosten. Und wenn es noch dazu, wie hier im Gassl Bräu, selbst gebraut ist, dann bekommt es von uns den Ritterschlag und darf gerne in den Törggeletag mit aufgenommen werden. Und weil zum Bier bekanntlich ein Brezen und eine Weißwurst recht gut passen, funktionieren wir den Törggeletag kurzerhand in eine Kombination aus Frühschoppen mit anschließendem Törggelen um. Das kann man machen, passt sogar recht gut.

Meine ursprünglichen Bedenken zwecks Zeitplanung sind längst vergessen. Zwar wandern „meine“ Männer recht gemütlich, doch hat es sich gezeigt, dass ihr Schritt lang und konstant ist, und so sind wir trotz Gemütlichkeit und trotz stetiger Plauderei schneller als der Wanderroutenplaner veranschlagt hat, unterwegs.

Da geht sich auch noch ein Blick hinein in die ehemalige Wiere aus. Eine Wiere ist ein offener Wasserlauf mitten durch ein Dorf oder eine Stadt. Sie diente im Zeitalter vor modernen Wasserleitungen nicht nur den Waschfrauen, sondern auch den Handwerkern für den Antrieb ihrer Maschinen (Mühlen, Schmiedehämmer).

In Lajen

Nach der Besichtigung der Wiere und zugleich des Seebener Aufgangs schlendern wir durch das Zentrum von Klausen zum Pfarrplatz hinauf, biegen dort rechts ab, überqueren den Eisack, unterqueren die auf Pfeilern stehende Brennerautobahn und wandern ab und zu einen Blick auf Schloss Branzoll und das Kloster Säben erhaschend über den Wandersteig Nr. 5 hinauf nach Albions.

Die sonnige Fraktion von Lajen bietet einen panoramareichen Blick über das Eisacktal. Wir halten uns nur kurz auf. Klar, kein Gasthaus ist in Sicht! Je weiter wir das schmucke Kirchlein der Fraktion unter uns lassen und somit ab Albions über den Walter von der Vogelweide Rundweg empor wandern, umso weiter reicht der Blick Richtung Norden, bis er am Königanger hängen bleibt.

Ein kurzes Stück Wald über eine Hügelkuppe, dann flache Wiesen, eine interessante Eisenskulptur am Wegesrand. Sie verdeutlicht: Wir befinden uns auf einem Themenweg. Die herbstliche tief stehende Sonne strahlt durch die spiralrohrförmige Skulptur. Ein Glitzermeer entsteht.

Bald ist die Kirchturmspitze von Lajen in Sicht. Gleichzeitig tauchen von Osten die Gipfel des zerklüfteten Langkofels und des wuchtigen Sellastock auf. Lajen ist das Tor zu den ladinischen Tälern und somit zu den Dolomiten.

Auf einem Wiesenhügel mit dem lustigen Namen „Wasserbühl“ wieder eine ähnliche Spiralskulptur. Der Kurt, ein Könner in Sachen Metallformung, wirft seinem fachmännischen Blick darauf.

Scheinbar scheint das heute eine Wanderung, die von Experten profitiert, zu werden. Armin, dem Spitzengastronom haben wir es zu verdanken, dass wir beim Steinbock ein treffliches Tröpfchen serviert bekommen haben, Dietmar, dem gewieften Unternehmer, dass wir das Gasslbräu gefunden haben, nun gibt Kurt, ein Meister der Metallkunst seine Expertise über die Metallskulptur zum besten. Ich darf mich fotografisch austoben. Fragt sich nur was der Andreas beitragen kann? Etwas ganz Besonderes, einen weisen Spruch aus seinem Buch:

Beim Marathon ist es wie im wirklichen Leben:
wer zu schnell startet, kommt nicht an.

Andreas Maier, Die Umwertung aller Werte. Ein Leben außerhalb von Zeit und Raum, 2021.

Eine kurze Runde mitten durch das Zentrum von Lajen – nein nicht nur auf der Suche nach einer geöffneten Kaffeebar – lassen wir uns nicht entgehen. Wir schauen in die spätgotische Kirche „Unsere Liebe Frau“ hinein und schlendern dann zur Pfarrkirche St. Peter hinaus. Der Friedhof hinter derselben unterstreicht die besondere Lage des Dorfes. Es liegt auf 1.100 m ü. d. M., auf einem Bergrücken zwischen dem Eisacktal und dem Grödnertal. Richtung Osten sehen wir den Sellastock, Richtung Süden schauen wir hinüber nach Tagusens, das zu Kastelruth gehört. Lajen gehört zu jenen Orten, die als Geburts- und/oder als Wohnort von Walther von der Vogelweide diskutiert werden.

17.00 Uhr, gerade recht um unser Törggeleziel, den historischen Bauernhof Unterfinserhof in die Fraktion Ried anzusteuern. Die Abendsonne färbt das Land goldig, da wir uns aufmachen über den Wandersteig Nr. 35 hinunter ins Tal zu steigen. Zwei junge Blonde tollen unter dem Biotop Wasserbühl über eine Wiese. Ihre Mähnen strahlen in der Abendsonne. Ein letzter Blick hinüber auf Tagusens mit dem für uns, von dieser Seite aus ungewohnten Schlern im Hintergrund, dann steigen wir über den Walter von der Vogelweide Steig (Wanderweg Nr. 35) ab ins nun schattige Eisacktal. Bei St. Katarina verlassen wir den Vogelweider Rundweg, steigen auf der Nr. 35 bleibend weiter bis nach Unterried ab.

Buschenschank Unterfinser

Der geschichtsträchtige Bauernhof aus dem 12. Jahrhundert beeindruckt mit seiner bäuerlichen Architektur. Auch der Ausblick auf die Trostburg kann sich sehen lassen. Ich bin auf diesen wunderbaren Buschenschank durch einen Tipp von meinem Schwager Peter gekommen. Peters Hobby ist Ahnenforschung. Er hatte herausgefunden, dass das Geburtshaus der Urnena (=meine und meiner Schwester Ur-Oma) im Eisacktal, in Lajen, in Unterried liegt. Es ist der Unterfinser Hof. Und da der Hof im Herbst seine Tür fürs Törggelen öffnet hat er vor zwei drei Wochen die Gelegenheit genutzt sich das Bauernhaus anzuschauen. Heute bin ich an der Reihe. Wow – was für eine herrliche Bauernstube!

Wir dürfen im Herrgottswinkel Platz nehmen. An der Wand gegenüber hängt eine Urkunde:

Erbhof:

Die Südtiroler Landesregierung hat in Würdigung dessen, dass der Hof Unterfinser in Ried in Lajen seit mehr als zweihundert Jahren im Besitze derselben Familie ist, diesem Hof die Bezeichnung ERBHOF verliehen. Diese ehrende Hervorhebung eines Beispiels treuen Festhaltens an ererbtem bäuerlichen Besitz wird ALOIS SCHENK durch unsere Unterschriften beurkundet.

Bald reißt mich das Auftragen der gefüllten Teller aus meinen Geschichtsgedanken. Trinken, essen, plaudern – beim gemütlichen Zusammensitzen mit den „Kollegi“. Was will „Mann“ mehr?

Wir lassen es uns gut gehen.

Die Nacht ist über das Tal hereingezogen da wir aus der Stube des Unterfinser Hof hinaustreten. Mit Stirnlampen ausgerüstet ist der Abstieg hinunter nach Waidbruck kein Problem. So kommen wir mit gut gefülltem Magen, zufrieden nach einer gefühlten Ewigkeit endlich mal wieder zusammen etwas unternommen zu haben, am Parkplatz beim Auto an.

Karte Eisacktaler Törggelerundwanderung

GPX-Track , Position: -km, -m GPX

50 100 150 200 5 10 15 distance (km) elevation (m)
Name: Keine Daten
Entfernung: Keine Daten
Minimalhöhe: Keine Daten
Maximalhöhe: Keine Daten
Differenz max/min: Keine Daten
Höhengewinn (~): Keine Daten
Höhenverlust (~): Keine Daten
Dauer: Keine Daten

Fotos Wadern durch das Eisacktal

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