„Hallo, hier ist die Anna. Habt ihr noch Sonnenfinsternisbrillen?“
Anna telefoniert gerade das ganze Unterland und Überetsch ab. Okay, nicht das ganze – nur die Optiker. Die Antwort ist meistens negativ, mal freundlich, mal harsch. Wie das eben so ist.
Bei Optik Zublasing in Eppan fällt sie besonders freundlich aus: „Eine haben wir noch, aber aufgrund der großen Nachfrage haben wir welche nachbestellt. Wenn sie rechtzeitig kommen, könntest du mehrere bekommen. Warte einfach bis morgen, denn eine ist dir sicher.“
Tag der Sonnenfinsternis
So kommt es, dass wir gerade nach Eppan fahren und bei Optik Zublasing anhalten. Wie versprochen ist eine Brille da. Und weil der Spediteur das nachbestellte Paket gerade eben geliefert hat, haben wir Glück: Es gibt sogar eine zweite.
Mit zwei zertifizierten Sonnenfinsternisbrillen im Gepäck fahren wir nun das Eggental hinauf.
Stau im Tunnel. Ein Unfall.
Macht nichts. Die paar verlorenen Minuten holen wir beim Aufstieg wieder raus. Aufstieg? Ja, wir wollen vom Jochgrimm auf das Weißhorn hinaufwandern. Und da die Sonne nicht auf uns warten wird, muss es eben heute etwas flotter gehen.
Plötzlich leuchtet die Tankanzeige auf. Ups.
Am Lavazèjoch biegen wir rechts ab und fahren Richtung Jochgrimm. Die Tankanzeige meldet nur noch 15 Kilometer Reichweite. Oha! Aber darum kümmern wir uns später. Jetzt haben wir erst einmal eine Sonnenfinsternis zu erwischen.
Kaum am Jochgrimm angekommen, wird uns klar: Wir sind nicht die Einzigen, die auf die Idee gekommen sind, das Weißhorn zu erklimmen, um die Sonnenfinsternis zu bestaunen.
Aufstieg vom Jochgrimm zum Weißhorn
Wir ergattern beinahe den letzten Parkplatz und machen uns daran, die mickrigen 1,6 Kilometer mit 323 Höhenmetern unter die Sohlen zu nehmen.
Obwohl ein Teil der Sonnenfinsternisjäger Richtung Schwarzhorn hinaufwandert, stehen wir schon bald im Wanderstau.
Warum? Weil wir heute flott unterwegs sind. Die kühle Luft hier oben tut unseren von den letzten Hitzetagen weichgekochten Körpern offenbar so gut, dass die Beine regelrecht aufblühen und plötzlich Lust auf flottes Bergwandern bekommen.
Stetig müssen wir überholen. Im steilen, grasigen Teil des Weißhornaufstiegs funktioniert das noch recht gut. Weiter oben wird es steiniger und felsiger. Der Wanderweg ist zwar nicht wirklich schmal, doch angesichts der Prozession, die heute zum Gipfel hinaufstapft, müssen wir immer wieder Tempo herausnehmen und einen günstigen Moment erwischen, um vorbeizuhuschen.
Das klingt nun etwas überheblich, aber heute kann uns tatsächlich niemand die Stange halten. Wahrscheinlich auch deshalb, weil heute eben nicht nur trainierte Wanderer unterwegs sind, sondern jede Menge Sonnenfinsternisjäger mit ihren Eclipse-Brillen im Rucksack.

In zwanzig Minuten ist es geschafft: Ich stehe auf dem Gipfel. Die beste Ehefrau von allen und Anna brauchen nur fünf Minuten länger – und das, obwohl sie heute im Unterschied zu unseren sonstigen Wandertouren ebenfalls einen Rucksack tragen.
Sonnenfinsternis auf dem Weißhorn
Wir machen es uns auf einer Stufe circa zwei Dutzend Meter vor dem Gipfelkreuz gemütlich. Irgendwie ganz kuschelig hier oben. Ganz allein am Gipfel genießen wir die Ruhe und Einsamkeit. Nein, da habe ich mich verschrieben. Es muss heißen: Mit jeder Menge Gleichgesinnten hoffen wir auf eine spektakuläre Stunde.
Wobei – die Sonnenfinsternis selbst braucht unsere Hoffnung eigentlich nicht. Die ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Nicht so sicher ist allerdings, ob wir sie auch zu sehen bekommen. Denn über der Adamello-Brenta-Gruppe hat sich ein mächtiges Wolkenband aufgebaut. Noch steht die Sonne darüber, aber sie wird wohl irgendwann dahinter verschwinden. Die Frage ist nur: wann?
Laut meiner Recherche beginnt die partielle Sonnenfinsternis um 19:25 Uhr. Ihr Maximum erreicht sie um 20:18 Uhr bei einer Magnitude von 0,918. Der Mond wird sich also gewaltig in die Sonnenscheibe hineinfressen. Um 20:29 Uhr ist der ganze Spuk wieder vorbei.
Erst einmal essen. Wir packen aus und beißen genüsslich in unsere Brote. Gleichzeitig ein wenig Leute schauen – das macht schließlich auch Spaß.

Hinter uns beginnen Latemar und Rosengarten zu glühen. Auch schön. Trotzdem sitzen die meisten Gipfelstürmer wie wir mit dem Blick Richtung Sonnenuntergang.
19:30 Uhr. Die Sonne beginnt, das Wolkenband zu berühren. Schnell die Brillen auf und schauen.
Noch immer eine orange Scheibe. Oder? Nein doch nicht! Rechts unten schiebt sich etwas scharfkantig vor die Sonnenscheibe. Das ist er, der Mond!
Gleichzeitig schiebt sich leider von unten etwas ganz anderes ins Bild: unscharf, weich wie Watte. Wolken. Im Nu ist die Sonne verdeckt. Sonnenfinsternis par excellence. Leider durch Wolken und nicht, wie erhofft, durch den Mond.
Ich schaue in die Runde und erwarte lange Gesichter. Dem ist erstaunlicherweise nicht so. Die meisten Sonnenfinsternisbeobachter nehmen es gelassen. Okay, einige brechen zum Abstieg auf. Andererseits kommen immer noch neue herauf.
Es wird bedeutend kühler. Glücklicherweise haben wir trotz der brütenden Hitze unten im Tal genügend Kleidung eingepackt. Jetzt nutzen wir sie auch. Und zwar die ganze.

„Schau, schean!“, ruft Anna.
Ein, zwei Sonnenstrahlen brechen links vom Gipfelkreuz durch die Wolken. Es werden mehr. Hoffnung keimt auf. Und tatsächlich: Helios sei Dank! Ein Loch öffnet sich in der Wolkendecke.
„Brillen, Brillen!“
Und da ist sie: eine Sichel. Sonne und Mond, sauber ineinandergeschoben.

Ich überlasse Anna und der besten Ehefrau von allen die beiden Brillen und greife zum Fotoapparat. Wohlgemerkt zu jenem mit elektronischem Sucher, sodass zumindest mein Auge geschützt ist. Für den Sensor ist die Sache ohne Sonnenfilter dagegen nicht ganz so risikolos, vor allem mit starkem Tele. Ich riskiere es trotzdem. Schließlich hat eine andere Kamera das 2015 mit vergleichbarem Tele sogar beim Filmen verkraftet. Wie sagt der Italiener so schön: Chi non risica, non rosica.

Ein Stativ habe ich leider keines dabei, und auch das Fokussieren macht zwischen Wolken, Sonne und Mond so seine Schwierigkeiten. Ein wenig minimieren möchte ich das Risiko dann doch und halte mit 300 Millimetern Kleinbildäquivalent nie allzu lange auf die Sonne drauf. Fotografieren, fokussieren, Kamera wieder weg. Fotografieren, fokussieren, Kamera wieder weg. So bleibt nur zu hoffen, dass bei der Hektik auch ein brauchbares Foto dabei ist.
Leider bleiben mir gerade einmal fünf Minuten. Dann schließt sich das Wolkenloch wieder und das sonnige Spektakel ist für uns vorbei. Eigentlich nicht vorbei – aber es spielt sich nun, vor unseren Augen verborgen, hinter den Wolken ab.

Jetzt verlassen viele Gipfelstürmer das Weißhorn. Wir bleiben noch ein wenig, schauen dem rosa aufleuchtenden Wolkenspiel zu und erkunden den Gipfel, auf dem inzwischen deutlich mehr Platz herrscht.
Abstieg vom Weißhorn zum Jochgrimm
Erst als wir sicher sind, dass wir die Sonne nicht mehr zu Gesicht bekommen werden – die Zeit des Sonnenuntergangs ist inzwischen vorbei –, verlassen auch wir den Gipfel.
Obwohl die Stirnlampen im Rucksack stecken, nutzen wir sie nicht. Es geht sich gerade noch aus: Kurz bevor die Dunkelheit endgültig das Licht ausknipst, erreichen wir wieder das Jochgrimm.
Spaß vorbei? Nicht ganz. Jetzt dürfen wir uns noch über ein kleines Bauchkribbelabenteuer freuen.
Die Tankanzeige steht nämlich plötzlich auf 5 Kilometer Restreichweite.
Nächste Tankstelle: 16 Kilometer entfernt, in Daiano im Fleimstal. Ups.
Glücklicherweise geht es fast ständig bergab. Also lassen wir das Auto, wo es geht, möglichst verbrauchsschonend talwärts rollen. Wird sich das ausgehen?
Die Spannung steigt.
Ausgerechnet jetzt schleicht ein extrem langsamer Fahrer vor uns dahin. Was, wenn es zwischendurch wieder etwas aufwärtsgeht? Bei diesem Tempo haben wir nicht einmal Schwung. Und ausgerechnet jetzt mit Vollgas überholen wäre unserer Restreichweite wohl auch nicht besonders zuträglich.
Endlich biegt der Langsamfahrer ab.
Nur noch drei Kilometer bis zur Tankstelle. Hoffentlich hat sie offen. Das Bauchkribbeln bleibt.
Und plötzlich ist es weg. Was? Das Bauchkribbeln. Denn da steht sie, die Tankstelle. Und offen ist sie auch.
Geschafft. Sonnenfinsternis erwischt, Weißhorn bestiegen und die letzten 16 Kilometer offenbar mehr mit Glück als mit Diesel bewältigt.
Beim nächsten Mal tanken wir vielleicht einfach vorher.
Wanderkarte und GPS-Track der Weißhorn-Wanderung
Akt. Position: -km, -m
↓ download GPX
Eckdaten der Tour
Wanderung aufs Weißhorn zur Sonnenfinsternis
- Dauer: 1:35 h
- Distanz: 3,5 km
- Bergauf: 315 m
- Bergab: 312 m
Um welche Art von Tour handelt es sich?
In welcher Region befindet sich die Tour?
Um welche Bergkategorie handelt es sich? Auf welcher Höhe liegt die Tour?
Wie lang ist die Strecke?
Wie streng ist der Aufstieg (Länge, Höhenmeter, Steigung)?
Wie anspruchsvoll ist der Abstieg (Länge, Höhenmeter, Steigung)?
Wie viel Zeit werde ich für die Tour brauchen?
Dieser Wert kann individuell stark variieren. Siehe Gehzeitrechner.
Wie viele Kalorien werden bei der Tour verbrannt?
Es ist zu beachten, dass die Berechnung des Kalorienverbrauchs auf Faustformeln und allerlei Annahmen beruht, z.B. Gewicht=75 kg, Kalorienverbrauchsvorgaben für Aufstieg, Abstieg, flach usw. und daher nur eine Schätzung und keine exakte Angabe liefert. Wenn du deinen Kalorienverbrauch selbst berechnen möchtest, dann schau dir diesen Kalorienrechner an.
Gibt es interessante Wegpunkte?
Ja, es gibt interessante Wegpunkte. Hier ist eine Liste:
- Berghotel Jochgrimm (Hotel)Höhe: 1.993 m ü. d. M.GPS: 46.347027, 11.450586Berghotel Jochgrimm (Hotel) 39040, Aldein - Aldino, Bolzano - Bozen, ITA +39 0471 887 232; +39 333 1664167
- Hotel Schwarzhorn (Hotel)Höhe: 2.002 m ü. d. M.GPS: 46.346426, 11.453054Hotel Schwarzhorn (Hotel) 39040, Aldein - Aldino, Bolzano - Bozen, ITA +39 0471 887180
- ParkenHöhe: 1.997 m ü. d. M.GPS: 46.347177, 11.452603
- Parken1Höhe: 1.997 m ü. d. M.GPS: 46.347005, 11.453633Parken
- Weißhorn - Corno Bianco (2316)Höhe: 2.290 m ü. d. M.GPS: 46.354387, 11.443741













