Umrundung Latemar – Bergtour vom Karerpass nach Pampeago/Obereggen an der Grenze Südtirol – Trentino

Heute steht die Umrundung des Latemars an. Da die beste Ehefrau von allen auf keinen Fall einen Klettersteig begehen möchte, habe ich mich gestern ausführlich per Internet informiert. So ganz schlau bin ich aber nicht geworden. Meistens hat es geheißen: Trittsicherheit erforderlich, einige kleinere Klettereien, schwieriger Alpinweg, aber keine Seilsicherung erforderlich, kein Klettersteig.

Da mir das etwas wenig aussagekräftig vorgekommen ist, habe ich mich zusätzlich bei meiner Schwester erkundigt, die schon einmal eine Latemar-Runde gemacht hat. Sie sagte: alles problemlos machbar, maximal 4 bis 5 Stunden. Mir kam das zwar etwas Spanisch vor, da laut trekking.suedtirol.info die Tour mit circa 9 Stunden veranschlagt wird, aber was soll‘s.

Auf dem Weg zum Latemar. Blick zum Nachbarberg dem weltberühmten Rosengarten.
Auf dem Weg zum Latemar. Blick zum Nachbarberg, dem weltberühmten Rosengarten.

Proviant, Bekleidung und natürlich Fotoausrüstung eingepackt und auf geht es, vorbei am Feriendorf Carezza hinauf zum Karerpass. Wir parken unseren Wagen direkt bei der Talstation des neuen Skiliftes (circa 1.750 m) auf der rechten Seite der Straße und starten zuerst über den Wanderweg Nr. 17 und dann über den Bergsteig Nr. 18 zur kleinen Latemarscharte (circa 2.500 m) empor. Wir haben uns absichtlich für diesen Startpunkt und für diese Richtung entschieden, um den anstrengenden Teil, mit den direkten Höhenmetern (circa 900 m) am Beginn der Bergtour hinter uns bringen zu können.

Mehrere Wanderer, meist Urlauber, wandern in die gleiche Richtung. Wenn die auch in diese Richtung gehen, dann wird es sicherlich nicht so schlimm werden. So zumindest meine Vermutung. An einer Wegkreuzung vom Wandersteig Nr. 13 mit dem Bergsteig Nr. 18, verlassen uns komischerweise alle „Mitwanderer“.

In kleinen Serpentinen führt uns jetzt ein steiler Steig nach oben. Zuerst noch relativ leicht begehbar, an Höhenmetern gewinnend, aber ausgesetzter und schwieriger. Es dauert nicht allzu lange, bis ich der besten Ehefrau von allen die Trekking-Stöcke tragen muss, weil sie auf allen Vieren den Berg hinauf klettern muss (will).

Nach circa einer Stunde Wanderzeit stehen wir vor einer ungefähr 3 m hohen, extrem glatten Felswand. Kein Drahtseil, keine Eisenstifte, nichts! Und jetzt? Die Trekking-Stöcke werden nun eingepackt. Auch ich benötige jetzt freie Hände, um die ziemlich schwierige und nur Wanderexperten zumutbare kurze Passage zu bewältigen. Wir schaffen es. Hoffentlich geht das nicht andauernd so weiter…

Kleine Latemar Scharte – Grenze zwischen Südtirol und dem Trentino

Der Anstieg bis zu kleinen Latemar-Scharte auf circa 2.520 m Meereshöhe beschränkt sich zum Glück auf zwei bis drei etwas gefährlichere, aber auch ohne Ausrüstung machbare, Kletterpassagen. Nun haben wir den anstrengenden Anstieg hinter uns und müssen nur noch circa 250 Höhenmeter bis zum Latemar-Spitz bewältigen. Da sich diese 250 Höhenmeter auf etwa 1,5 Kilometer aufteilen, scheint diese Wegstecke relativ einfach zu werden.

Nach 10 Minuten werden wir eines Besseren belehrt. Nicht die Steigung macht uns einen Strich durch die Rechnung, sondern der Bergsteig an sich. Immer wieder sind wir gezwungen, extrem ausgesetzte Kletterabschnitte zu passieren, ohne dass uns ein Drahtseil, ein Haken oder ein Stift Hilfestellung geben würden. Dauernd müssen wir uns überlegen, wie wir unsere Schritte setzen und ständig sind wir damit beschäftigt, ordentliche Griffe im Fels zu finden.

Irgendwie verstehe ich nicht, warum meine Schwester gemeint hatte: kein Problem, überhaupt kein schwieriger Weg. Wahrscheinlich hat sie einen anderen Steig gemeint. Die Zeit, die wir für die Umrundung brauchen werden, stimmt ja auch nicht überein.

An dieser Stelle sei gesagt: Obwohl dieser Wegabschnitt auf meiner Wanderkarte und auch im digitalen Wegenetz Südtirols nicht als Klettersteig, sondern lediglich als „Alpinsteig für Trittsichere“ eingetragen ist, stufe ich persönlich für Nicht-Kletterer wie uns, diesen Steig als fast noch gefährlicher als einen durch Drahtseil und Haken gesicherten Klettersteig ein! Jeder Hobby-Wanderer, der diesen Beitrag liest, sei gewarnt: die Latemarumrundung ist nur etwas für komplett schwindelfreie, trittsichere und ihren Körper und vor allem ihren Geist voll im Griff Habende!

Die beste Ehefrau von allen, die normalerweise keine Hängebrücke überquert und nie auf eine Aussichtsplattform rauf will, schlägt sich extrem wacker. Augenscheinlich hat Ihre Ratio den Kampf gegen ihre Ängste gewonnen. Wir sind extrem langsam unterwegs. Normalerweise machen wir auf die von trekking.suedtirol.info veranschlagte Zeit immer mindestens 1/3 der Zeit gut; dieses Mal wird das sicherlich umgekehrt sein. Dauernd stehen bleiben, schauen wo die nächste Markierung ist (wir wollen uns auf keinen Fall versteigen!), studieren wie die Stelle am besten zu meistern ist usw. Tritte und Griffe suchen, für uns Wanderer und Nicht-Kletterer eine sehr ungewohnte, an die Grenzen der Belastbarkeit gehende Situation. Nach einer Stunde und 15 Minuten „Kletterei“ kommen wir trotzdem heil am Latemarspitz an und haben wie vermutet 15 Minuten auf die veranschlagte Zeit verloren.

Auf dem Latemar-Spitz

Laut Wetterbericht sollte heute herrliches Bergwetter vorherrschen. Dem ist leider nicht so. Nebel und Wolken stehlen uns die Sicht auf das Eggental, auf Carezza mit dem Karerpass und den Rosengarten mit der Rotwand. Ab und zu geben sie für ein zwei Minuten den Blick frei, um sich dann wiederum wie eine Mauer vor uns aufzubauen.

360° Foto Latemar Spitze mit Blick auf den Latemarturm und den Rosengarten
360° Foto Latemar Spitze mit Blick auf den Latemarturm und den Rosengarten

Obst, Schokolade und ein zwei Schluck Holundersaft treiben unseren Blutzuckergehalt wieder in die Höhe. Circa eine Stunde verbringen wir teilweise essend, die beste Ehefrau von allen frierend, und ich auf den richtigen Blick wartend, unter dem Gipfelkreuz der Latemarspitze auf 2.796 m über dem Meer.

Nachdem wir uns sowieso nicht mehr zurück getrauen (der Abstieg wäre in unseren Augen viel gefährlicher als der Aufstieg) beschließen wir, wie geplant unser Latemar-Umrundung fortzusetzen. Zuerst müssen wir wenige Meter bis zum Alpinsteig Nr. 18 zurück, den wir um den Latemar-Spitz zu erreichen, verlassen haben. Nun geht es in südlicher Richtung bergab. Wir kraxeln wiederum teilweise auf allen Vieren, den nicht gesicherten, gefährlichen Steig hinunter bis wir vor uns ein oranges Biwak sehen.

Leider können wir es nicht erreichen, da uns eine Spalte den Weg versperrt. Wir müssten die Spalte umrunden, indem wir zuerst absteigen und auf der anderen Seite wieder aufsteigen. Das Biwak liegt nicht auf unserem Weg, wir folgen dem jetzt etwas leichter werdenden Alpinsteig Nr. 18 in südwestlicher Richtung. Über uns am Kamm der Latemar Türme entlang würde ein echter Klettersteig führen, den wir aber gerne auslassen!

Ein zwei schwierige Passagen liegen noch vor uns aber im Vergleich zum Anstieg zur Latemarspitz kann uns jetzt nichts mehr schocken. Auf einer 30 cm breiten Trasse wandern wir, links die Bergkette der Logarei bestaunend, der Latemarhütte (Rifugio Torre di Pisa) auf 2.677 m entgegen.

So schaut das Gelände bei der Latemarumrundung aus, wenn es weniger gefährlich ist. Bei den gefährlichen Stellen hatte ich - wie immer - Fotografieverbot :-(
So schaut das Gelände bei der Latemarumrundung aus, wenn es weniger gefährlich ist. Bei den gefährlichen Stellen hatte ich – wie immer – Fotografieverbot 🙁

So langsam wird das Gelände etwas flacher und weniger gefährlich und endlich ist es soweit. Wir können die Trekkingstöcke auspacken und unsere gewohnte Schrittgeschwindigkeit aufnehmen.

Zuvor haben uns scheinbar erfahrene Alpinisten überholt, jetzt da wir uns sicher fühlen, lassen wir alle in gleicher Richtung Wandernden hinter uns. Das muss auch so sein, denn wir haben nicht mal die Hälfte des Weges hinter uns.

Abstieg zum Skigebiet Pampeago / Obereggen

Circa einen Kilometer vor der Latemar-Hütte biegen wir rechts ab, immer noch dem nun einfacher gewordenen Alpinsteig Nr. 18 folgend. Wir überqueren einige mit Schnee bedeckte Abschnitte, durchqueren einen mit mächtigen Spitzen umringten kleinen Kessel und steigen anschließend an der Westflanke des Latemars in Richtung Skigebiet Pampeago/Obereggen ab. Der Steig ist hier im Vergleich zum Anstieg auf die Latemarspitze leicht und problemlos zu schaffen. Damit meine ich natürlich nicht, dass man ihn mit Turnschuhen, Hände in den Hosentaschen und pfeifend in die Luft schauend, beschreiten sollte!

Wie so oft bei uns beiden, macht sich der Abstieg in den Füßen stärker bemerkbar als der Anstieg.

Das felsige Gelände liegt hinter uns, unter uns sehen wir die Liftanlagen von Obereggen und Pampeago. Wir halten nicht an und wandern jetzt den sehr schönen, grünen und vor allem einfachen Wandersteig (Nr. 22) in nördlicher Richtung am Fuße des Latemars entlang.

Der Wanderweg zieht sich extrem in die Länge. Es dauert bis wir auf den Weg Nr. 21 stoßen der uns bis zum Mitterleger und dann zurück bis zum Karerpass führen soll. Auch der Wanderweg Nr. 21 meint es nicht viel besser mit unseren müden Füßen, er zieht sich ohne Ersparnis in die Länge.

Nach endlosen 8 Stunden Gehzeit erreichen wir müde, aber dennoch zufrieden, den Latemar bezwungen zu haben, unseren Ausgangspunkt am Karerpass.

Eine sehr lange und vor allem sehr, sehr schwierige Bergtour, die ich teilweise als Kletterpartie – wenn auch ohne Kletterausrüstung – bezeichnen möchte. Wer also seine Wanderstöcke nie aus der Hand nehmen möchte, der sollte sich eine andere Wandertour aussuchen. Wer aber eine gewaltige Aussicht im Herzen des UNESCO Weltnaturerbes Dolomiten erhaschen möchte, ein trittsicherer und schwindelfreier Bergwanderer ist, der sich nicht vor kurzen Klettereien scheut, dem sei die Bergtour Karerpass – Latemar – Obereggen im Süden der Südtiroler Dolomiten wärmstens empfohlen.

GPS-Daten Dolomiten Bergtour Karerpass – Latemar – Obereggen – Karerpass

Fotoimpressionen Latemar Bergtour (Dolomiten)

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6 thoughts on “Umrundung Latemar – Bergtour vom Karerpass nach Pampeago/Obereggen an der Grenze Südtirol – Trentino”

  1. Gölz says:

    Die Latemardurchquerung will ich schon lange durchführen. Ihr Bericht hat mir sehr geholfen. Zu sehr ausgesetzt, auf allen vieren Klettern, das traue ich mir nicht zu. Ist nichts für mich.
    Mich würde interessieren wie das Teilstück von der Gamsstallscharte zur Latemarhütte ist.
    Ist das sehr ausgesetzt ? Ist dieses Teilstück tatsächlich nur 30 cm breit ?

    Für ein Antwort were ich dankbar.

    Mit freundlichem Gruß

    Roland Gölz

  2. Dietmar says:

    Hallo Roland,

    wir sind bei unserer Latemarumrundung den Steig Nr. 8 hinunter und nicht hinauf gegangen. Im Vergleich zu dem was wir hinter uns hatten war dieses Teilstück ein „Klacks“ aber sicherlich auch an einigen Stellen nur 30 cm breit. An extrem ausgesetzte Stellen kann ich mich aber nicht errinnern. Wie gesagt, wir hatten „Schlimmes“ hinter uns, sodass der Abstieg von der Gamststallscharte einfach war.

    Das Stück Wegkreuzung Nr. 18 – Nr. 516 bis Latemarhütte (Rifugio Torre di Pisa) sind wir nicht gegangen, dazu kann ich nichts sagen.

    Grüße
    Dietmar

  3. Karl-Heinz Weller says:

    Hallo zusammen

    Bin vor vielen Jahren durch das Latemar gestiegen, ausgehend von der Bergstation des Oberholz-Sesselliftes, ging einen Umweg über die „Feudo-Alm“ bis zur Rifugio Torre de Pisa (Latermarhütte) welche die einzige große anscheinend „bewirtschaftete Berghütte“ im Latemarmassiv ist.
    Zum Glück nahm ich eine kleine Stärkung in der Feudo-Alm zu mir und stieg den steilen Steig Richtung Rifugio-Torre-de Pisa auf und war so wie ich mich erinnere nach ca. 2,5 – 3 Stunden an derr Hütte.
    Welch eine Enttäuschung als ich erkannte, dass die an die Hütte angenagelten Bänke zu bedeuten hatten, dass die Hütte zu der damaligen Zeit (nicht saisonbedingt) geschlossen hatte und unten an der Bergstation des Oberholzlliftes kein Hinweis darauf verzeichnet war. Ich ging nach der Hütte so ziemlich alleine weiter durch den Zackenwald und die Wüstenlandschaft des Wandersteiges im Latemarmassiv. Die Tour ist eigentlich unschwer und inmitten des Massivs überhaupt nicht technisch schwierig, doch man muss sehr genau auf die Markierungen achten, um sich inmitten des Massivs nicht zu verlaufen, bei schlechtem Wetter oder Nebel ist diese Tour kaum empfehlenswert, denn man ist auf die Markierungen im Felskessel des Latemar angewiesen.
    Wir bereits Dietmar angedeutet hat ist die einzig etwas schwierige Stelle der Abstieg (oder alternativ Aufstieg) aus dem Massiv durch die Gamstalscharte, die ich damals aber mit zu Hilfenahme der Hände gut bewältigt habe.

    Eine gute Karte, etwas Ausdauer, stabile Wetterlage und einigermaßen Orientierung inmitten des wie in einem Korallenriff verlaufenden Latemarmassivs ist meines Erachtens die einzige Voraussetzung für diese landschaftlich wunderschöne Tour. Ich kann mich ebenfalls nicht daran erinnern, dass das Teilstück von der Gamstallscharte zur Latemar-Hütte ausgesetzt war, nein es war nur landschaftlich sehr interessant.
    Den Abstecher zur Feudo-Hütte ausgehend vom Oberholz-Sessellift kann man sich , denn es ist ein Umweg, der Hüttenwirt sagte mir damals nichts davon, dass die ca. 2,5 Stunden entfernte Hütte oben auf dem Massiv geschlossen hat. Empfehlenswert ist daher vom Oberholz-Lift direkt den Wanderweg zur Gamstalscharte und dann zur Latemar-Hütte einzuschlagen um dann über die Eggentaler-Almen abzusteigen oder als Rundtour am Fuße des Latemars wieder zum Oberholz-Lift zurückzukehren.

    Dies nur als Erinnerung und Tip zu meiner Tour, die mindestens 10 Jahre zurück ist.

    Herzliche Grüße von Charly

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