Genussbergtour durch das Schlinigtal zum Föllakopf

Wandern in Südtirol, hart an der Schweizer Grenze, im westlichsten Zipfel Südtirols, im Schliniger Tal, in der Bergen der Sesvenna Gruppe mit ganz viel Genuss , das haben wir heute vor. Almenrausch und Bergfeeling in Kombination mit passenden und doch überraschenden Gaumenfreuden, da blüht das Genusswanderherz auf.

Gaumengenuss auf der Schliniger Alm
Gaumengenuss auf der Schliniger Alm

Ich bin heute mit dem Andreas unterwegs. Wir haben am großen Parkplatz am Dorfbeginn geparkt, einen Kaffee in der Bar des Aniggl Hofs getrunken und biegen nun nach der Pfarrkirche zum Hl. Antonius rechts ab. Der Wanderweg 1A wird uns von 1.700 Höhenmeter hinauf auf 2.200 m bringen. Diese 500 Höhenmeter sind zwar etwas heftig, führen aber zuerst durch Wiesen, dann durch einen herrlichen Lärchenwald im Zickzack Kurs empor, ohne dabei allzu hohe Stufen überwinden zu müssen, sodass der Aufstieg für jedermann machbar ist, wenn er seine eigene Wandergeschwindigkeit dem steilen Gelände entsprechend anpasst. Und das Schöne dabei, hat man diese deftigen Höhenmeter erst mal geschafft, dann landet man auf den Wanderpfad 8A. Der ist nur mäßig steigenden, fast flach und mit seiner Almblumenvegetation am Wegesrand ein wahrer Genusssteig.

Anstieg durch einen Lärchenwald

Wir wandern also den 1A Steig hinauf. Das Dorf liegt schnell unter uns. Zäune rechts und links, Bauern mit Rechen vor uns. Dann eine Holzbrücke. Sie bringt uns nicht über einen Bach, sondern über den Zaun. Ich vermute eine Art Kuhsperre. Wir folgen nun dem Wegweiser Sesvennahütte 1A nach links. 450 Meter geht es gemütlich auf einem Wiesenweg, den Hang querend bis zu einem Rinnsal. Nun beginnt der heftige Aufstieg.

Aufstieg durch einen wunderschönen Lärchenwald
Aufstieg durch einen wunderschönen Lärchenwald

Steil (Markierung 1A) steigen wir einen lichten Lärchenwald empor. Zum Glück zieht der Wandersteig nicht kerzengerade nach oben, sondern schlängelt sich in unzähligen kleinen Serpentinen in die Höhe. Ich liebe Lärchenwiesen. Sie sind als Kulturlandschaft landschaftlich schön und ökologisch wertvoll. Ob dieser Lärchenwald eine von Menschenhand gemachte Lärchenwiese ist, bin ich mir nicht sicher. Für eine Mähwiese ist das Gelände viel zu steil, darum vermute ich eine natürliche Entstehung.

Urplötzlich sind die mächtigen Lärchenriesen verschwunden und wir stehen vor einer Almwiesenlandschaft. Der 1A Pfad wird nun etwas weniger anspruchsvoll. Er führt uns hinauf bis zum Wandersteig 8A, dem wir nun nach links Richtung Sesvenna Hütte folgen. Damit haben wir die deftigen Höhenmeter hinter uns und dürfen nun genussvoll, nur sehr mäßig an Höhe gewinnend, in das Schlinigtal hinein wandern.

Die Höhe ist erreicht, nun geht es nur noch mäßig ansteigend weiter
Die Höhe ist erreicht, nun geht es nur noch mäßig ansteigend weiter

Gemütlich entlang von Alpenrosen zur Sesvenna Hütte

Anfang Juli, die Alpenrosenblüte ist im vollen Gang. Herrlich! Ich bin hin und her gerissen, ob ich mir einen blauen Schönwetterhimmel wünschen sollte oder mir die Wolkentürmen, die mit den Gipfeln der Sesvennagruppe spielen, besser gefallen sollten. Zum Glück muss ich mich nicht entscheiden und so freue ich mich übers Wolkenspiel.

Den Andreas schicke ich meist voraus, er dient mir als Wander-Blickfangpunkt für Fotos. Fürs nebeneinander Wandern reicht die Breite des Almwiesenpfades, der nach links teilweise steil abfällt, eh nicht aus.

Mountainbiker mit viel Mut
Mountainbiker mit viel Mut

Ein Mountainbiker überholt uns. Das ist überraschend, nicht unbedingt, weil auf dem Steig Radverbot herrscht – mir als Wanderer macht es nichts aus ab und zu einem Radfahrer Platz zu machen – sondern weil mir für den Radfahrer angst und bange wird. Ein Sturz könnte hier fatal enden. Noch dazu sind die meisten erprobten MTB-Fahrer mit Klipps unterwegs. Der Andreas ist anderer Meinung. Er ist früher selbst viel sowohl mit dem Rennrad als auch mit dem Mountainbike unterwegs gewesen. „Wos, des isch koan Problem. Do sein mir friar gonz ondre Weg gforn!“ Aha, ich als E-Biker, der den Drahtesel nur nutzt, um von A nach B zu kommen, kann das nicht nachvollziehen.

Das klingt nun für den ängstlichen Bergwanderer vielleicht etwas dramatisch. Doch aufgepasst für Wanderer ist der Pfad unproblematisch.

Unten in der Talsohle sehe ich einen unverständlichen mäandrierenden Straßenverlauf. Der Andreas – ein Langläufer – weiß Bescheid. Das ist sicher eine Rollerbahn fürs Sommertraining für Langläufer. Aha!

Der Pfad zieht sich in die Länge. Zum Glück. So können wir den Genusssteig noch lange auskosten.

Alpenrosen, ein Almweg, mächtige und doch freundliche, weil nicht erdrückende, Bergriesen – wir Menschen der Berge leben das Paradies auf Erden.

Alpenrosen in voller Blüte
Alpenrosen in voller Blüte
Alpenblumenwiese
Alpenblumenwiese

Von tief unten herauf blickt uns die Schliniger Alm entgegen. Da wollen wir heute noch einkehren. Doch zuerst geht es gerade aus weiter Richtung Sesvenna Hütte. Urplötzlich stockt unten das Tal. Die Schwarze Wand sperrt es ab. Dem Schlinigbach ist das egal, er stürzt sich als Wasserfall in die Tiefe. Wir oben auf dem Wandersteig Nr. 8 (den Zusatz A haben wir auf Halbweg verloren) sehen das Naturschauspiel nur von weitem. Das wird sich später ändern. Nun werfen wir noch einen kurzen Blick zurück auf das hinter uns liegende Tal und wandern dem Sesvenna Pass entgegen. Seit wir die Schwarzwand passiert haben ist die Schliniger Talsohle mit einem Schlag gewaltig zu uns herauf gerückt. So sehen wir bald links nur wenige Meter unter uns die Sesvennahütte und die unter Denkmalschutz gestellt Alte Pforzheimer Hütte.

Die Pforzheimer Hütte mit dem Pforzheimer See
Die Pforzheimer Hütte mit dem Pforzheimer See

Letztere, seit 2015 ein Museum, spiegelt sich im kleinen Pforzheimer See. Wir steigen hinunter, den Anblick wollen wir uns nicht entgehen lassen. Außerdem wollen wir sowieso 200 m daneben, bei der bewirtschafteten Sesvenna Hütte, einkehren.

Genuss in der Sesvenna Hütte

Ein zwei Fotos vom Ensemble Alte Pforzheimer Hütte – Pforzheimersee – Sesvenna Bergwelt, dann knurrt der Magen. Wir kehren bei der Sesvenna Hütte ein. Gerne würden wir draußen sitzen, doch das Wetter zwingt uns ins Innere.

In der getäfelten Stube, an einem Ecktisch, unter einem freundlich besonnen guckendem Steinbock, dürfen wir Platz nehmen. Fein!

In der Stube des Schutzhauses "Sesvenna Hütte"
In der Stube des Schutzhauses „Sesvenna Hütte“

Es gibt typische Südtiroler Gerichte, genau das Richtige für hungrige Wanderer wie uns. Der Andreas hat mittlerweile gelernt. Das gleiche bestellen wie ich, das ist nicht drin. Er muss ein anderes Gericht wählen, damit ich zwei verschiede Motive zum Fotografieren bekomme. Glücklicherweise sind wir beide Liebhaber von deftiger Tiroler Küche, so fällt es uns nicht schwer auszumachen wer was bestellt. So stellt der Wirt vor meinen Platz Spiegelei mit Speck und Röstkartoffel und vor Andrea‘s Platz Gulasch mit Pressknödel. Dazu gesellt sich eine Halbe eines kräftigen Südtiroler Roten. Damit ist der Tiroler Genusshimmel perfekt.

Nicht ganz perfekt für den Andreas. Für ihn ist nun warten angesagt. Es ist nicht leicht mit Knurren im Magen, verlockendem Duft in der Nase, verführerischen Wein vor der Augen, still zu sitzen und sich in Geduld zu üben.

Der Andreas kann das. Fast – ein zwei Mal rutscht ihm die ungeduldige Frage: „Hosch fertig?“ über die Lippen.

Dem Gehörntem über unseren Köpfen ist das „wurscht“. Er schaut mit dem immer gleichen freundlich besonnenen Blick in die Runde. Er scheint es gewohnt zu sein, sich komisch verhaltende Gäste zu sehen.

Nach getaner Fotoarbeit lassen wir es uns schmecken. Es mundet vorzüglich.

Spiegelei mit Speck und ein "Glasl Roatn"
Spiegelei mit Speck und ein „Glasl Roatn“

Mit zufrieden gestellten Bäuchen wollen wir zahlen. Die Wirtin bietet uns ein „Schnapsl“ an. Hmm… ein Viertel Roter pro Kopf und einen Schnaps obendrein, wird sich das ausgehen? Ich kalkuliere schnell das deftige Mittagsmahl und den halben Tag, der noch vor der Autofahrt steht, mit ein. Ja das müsste sich ausgehen. In Erwartung eines kratzbürstigen „Klaren“ hauen wir das Wässerchen in einem Schluck weg. Wow, kein Kratzen, kein Brennen, angenehm sanft rinnt der angesetzte Grappa die Kehle runter. Perfekt.

Nach so einem sinnesfreudigen Mittagsmahl würden wir uns am liebsten auf eine der Liegestühle vor der Hütte ausstrecken.

Doch heute will die heiße Runde dort oben am Firmament nicht mitspielen. Ok auch gut, dann eben ein Verdauungsspaziergang. Entweder gemütlich hinüber zum Biotop Niedermoor Uina oder etwas ansteigender, hinauf zum Sesvenna See. Der Andreas hat keine Wahl. Am Biotop Niedermoor Uina war ich schon vor 11 Jahren, als ich mit der besten Ehefrau von allen durch den ehemaligen Schmugglerpfad der Uina Schlucht bis ins Schweizerische Engadin gewandert bin. Also auf zum Sesvenna See!

Aufstieg zum Sesvenna See

Die Sesvenna Hütte im Rücken, Alpenblumen rechts und links, gerade genug geschmaust, nicht zu viel nicht zu wenig, wandern wir fast schon genüsslich grunzend, über den Steig Nr. 5 zu einer kleinen Lacke hinauf. Das Gras wird nun kürzer, der Pfad etwas steiniger und steiler, doch bleibt er unproblematisch. Da wir den Hügel, der die Sesvennahütte vom Sesvennapass trennt, passieren, können wir jetzt auf den Pass und auf die Wasserscheide mit dem Biotop Niedermoor Uina hinunterblicken. Das 10 ha große Moor liegt direkt an der Schweizer Grenze. Es entwässert zum Inn, fließt also nicht in das Schlinigtal, sondern in die Schweiz, ins Engadin ab. Gespeist wird es von Hang-, Quell- und Bachwasser, die das Moor in zahlreichen Rinnsalen durchfließen. Das Biotop ist ein Flickenteppich aus seichten Wasserflächen, Niedermooren und alpinen Rasen.

Blick auf das Biotop Niedermoor Uina
Blick auf das Biotop Niedermoor Uina

Toll, ich habe mit der Entscheidung für den Sesvenna See zwei Fliegen mit einer Klatsche erwischt: See und Moor. Doch der See muss erst erreicht werden. Zwei Frauen kommen uns entgegen und fragen, wo wir hinwollen. Wir antworten, dass wir nur zum See wollen. Sie scheinen dadurch beruhigt zu sein. Keine Ahnung warum.

Plötzlich ein Hubschraubergeräusch. Ein gelber Heli transportiert an einem Seil irgendetwas übers Moor bis hinunter zu einer Almhütte, die wahrscheinlich bereits auf Schweizer Gebiet steht. Es muss ein Transporthubschrauber sein, denn der Hubschrauber fliegt immer wieder dieselbe Strecke hin und her.

Bei einem Wegweiser halten wir uns links, folgen der Bezeichnung „Föllakopf S. See“. Laut Karte ist das der Steig Nr. 5A.

Bald zaubert ein Blumenteppich aus Stängellose Leimkraut und Weiß Silberwurz Farbe in die geröllige Gegend.

Alpenblumen am türkisfarbenen Sesvenna See
Alpenblumen am türkisfarbenen Sesvenna See

Trotz einiger kleiner Schneefelder kommen wir ohne Mühe zum Sesvenna See. Der präsentiert sich variativ. Teils mit weißer Eisdecke, teils dunkelblaugrün, teils türkis. Rund herum weiße Flecken von Schneefeldern in einer grüngrauen Flechtenmoos-Geröll Landschaft. Die Magie der hochalpinen Vielfalt. Klasse!

Eigentlich wollten wir nun umkehren, doch der Gipfel über uns, der Föllakopf starrt uns fast greifbar nahe an. Was sind schon 200 Höhenmeter? Nichts, ein Katzensprung! Auf geht’s hinauf auf den Föllakopf.

Aufstieg zum Föllakopf

Bald bereuen wir die Entscheidung ein klein wenig. Haben wir bis hier her die Wanderung ausnahmslos genossen, wird sie nun durch den steilen Zickzackkurs über den mit losem Schotter übersäten Hang mühsam. Das bei jedem Schritt auf dem sandigen Untergrund leichte Zurückrutschen kostet Kraft. Die erste Höhenmeter pressen uns einige Schweißperlen auf die Stirn. Oder ist es doch das letzte Schnaps das uns nun um die Ohren fliegt?

anstrengender Aufstieg über Schutt auf den Föllakopf
anstrengender Aufstieg über Schutt auf den Föllakopf

Der See unter uns rückt langsam von uns weg, dafür das Hochmoor ins Blickfeld. Viel würde nicht fehlen, sodass wir die Uina Schlucht sehen könnten.

Endlich ist der schottersandige Hang geschafft. Richtung Osten langt nun der Blick durch das gesamte Schlinigtal hinaus bis nach Schluderns. Die Wolken stören mich nun doch etwas, aber was solls Hauptsache kein Regen.

Der Steig wir anspruchsvoller. Er ist jetzt zwar felsiger, doch immer wieder versetzt mit rutschigem kleinkörnigem Schutt. Außerdem ist sein Querschnitt oftmals schräg, sehr schräg, zum Tal hängend. Habe ich bis jetzt die gesamte Wanderung den Fotoapparat umgehängt oder in der Hand gehalten, muss er nun in den Rucksack. Ab jetzt darf vor mir nicht mehr rumbaumeln und die Hand darf schon gar nicht besetzt sein.

Wir steigen bedacht über die Nordostflanke auf. Ein Schneefeld kommt uns in die Quere. Der Andreas schreitet, obwohl steil und darunter kein Boden in Sicht, ohne zu Zucken drüber. Meine Knie bleiben zwar stabil, trotzdem beginne ich zu überlegen. Da durch? Nö, lieber über Fels, rund herum.

Nebel kommt und geht und zwar recht flott. Oder sind es doch Regenwolken? Wir wollen schon umkehren, doch ein kurzer Blick auf den elektronischen Wanderführer sagt, nur noch 100 m Strecke. Ok dann trotzdem weiter. Wieder eine Passage, wo ich mich frage, rauf ok, aber werde ich mich auch wieder runter getrauen. Mir fällt mein Erlebnis mit Herrn H. ein.

Ich meistere die Passage unter Zuhilfenahme der Hände. Irgendwie bin ich ein wenig unzufrieden mit mir selbst. Der Steig, ok ist gefährlich, weil teilweise extrem abschüssig, oft mit losem rutschigem Schutt bedeckt, ein Ausrutscher wäre fatal, doch er ist für trittsichere, erprobte Berggeher technisch nicht schwierig. Was ist das nur, dass mich in letzter Zeit immer öfter Herr H. begleitet. Ist es das hübsche Töchterlein, dass zu Hause wartet, ist es das Alter, ist es die Angleichung an den Hasenfuß, mit dem ich verheiratet bin. Was um alles in der Welt ist das nur, dass so ein Föllakopf plötzlich eine ernst zu nehmende Hürde darstellt?

Das Gipfelkreuz auf dem Föllakopf
Das Gipfelkreuz auf dem Föllakopf

Derweil sind wir angekommen. Das Gipfelkreuz ist in Nebel gehüllt, die ferne Bergwelt der Ötztaler Alpen blitzt kurz aus dem grauen Wolkenmeer auf und ist im nächsten Augenblick wieder verschwunden.

Abstieg

Wir halten uns nur zwei drei Minuten auf. Lieber den Abstieg in Angriff nehmen. Entgegen meiner Befürchtung ist er einfacher als erwartet und so kommen wir recht schnell bis zum Beginn des grobsandigen Hanges hinunter. Hier lädt mich ein kuppiger Felssporn, auf den ich mühelos hinaussteigen kann, zum Fotografieren ein. Er ermöglicht den Blick auf das Schliniger Tal. Der Nebel verzieht sich und plötzlich reicht die Sicht nicht nur hinunter auf die Sesvenna und Pforzheimer Hütte, nicht nur hinaus auf die Schliniger Alm, nicht nur fort, bis sie sich im Dorf Schlinig verfängt, nein sogar hinaus bis in den Obervinschgau und hinüber zu den Ötztaler Alpen. Freilich alles gedeckelt mit einer grauen Wolkenmasse.

Blick durch das Schliniger Tal hinaus in den Obervinschgau und die Ötztaler Alpen
Blick durch das Schliniger Tal hinaus in den Obervinschgau und die Ötztaler Alpen

Der Abstiege über den Hang hinunter zum Sesvenna See wird zum Spaß. Skifahren auf Schottersand. Toll! Der gelbe Hubschrauber ist immer noch fleißig unterwegs. Keine Ahnung wie viel Flüge er schon absolviert hat.

Am See halten wir uns dieses Mal nicht auf, blicken nur kurz noch einmal zurück zum Föllakopf und marschieren dann flotten Schrittes den 5A Steig hinunter bis zur Abzweigung, wo es links zum Furkelsee gehen würde. Das Niedermoor Uina lockt. Gerne würde wir das auch noch in unsere Wanderung einbeziehen. Querfeldein kerzengerade runter, das müsste gehen. Da pfeift es uns um die Ohren. Murmeltiere! Eines da, eines dort! Schade, dass Anna nicht mit ist, sie wäre begeistert! Die pelzigen Alpenbewohner lassen uns bis auf 5 Meter ran und verschwinden dann urplötzlich unter die Erde.

putziger Alpenbewohner - ein Murmeltier
putziger Alpenbewohner – ein Murmeltier

Plitsch, ein Tropfen! Das Vorhaben kerzengerade zum Moor hinunter ist damit gegessen. Flotten Schrittes kehren wir zum Steig zurück und schreiten zügig zur Sesvenna Hütte zurück. Der leichte Nieselregen reicht um Steine, Erde und Gras mit einer leichten Glitschigkeit zu überziehen. Das wird dem Andreas zum Verhängnis. Eine kleine Schürfwunde am Finger ist sein Gewinn.

Vorbei an der Sesvenna Hütte und am Pforzheimer See ist der Nieselregen schon wieder Geschichte. Wir marschieren nun über den breiten Wanderweg Nr.1 talauswärts.

Am Schlingbach auch Metzbach schaufelt eine Gruppe Männer ein Loch und siebt Erde. Der Andreas fragt sich was das soll. Ich weiß es. Wahrscheinlich wollen die Männer Schotter gewinnen, mit dem sie Mörtel oder Beton mischen wollen. Und so ist es auch. Die Männer gehören dem Förderverein Cunfin an, der die Alte Pforzheimer Hütte gepachtet hat und nun für deren Instandsetzung und Bewirtschaftung sorgen wird. Die Sanierung der Hütte ist noch im Gange, auch wenn sie bereits als Museum und Ausstellungsraum dient.

Wir bedanken uns für die Information und wandern weiter. Rechts steht ein Totem ähnliches Kreuz. Davor eine Inschrift:

4mann Säule
2012
In Dankbarkeit
Am 04.02.2012 überlebten vier Männer einen Lawinenabgang bei der Wand.

Wir stehen nun auf der Wand und werden sie über den breiten Wanderweg umgehen. Bald wird sichtbar warum die Männer des Fördervereins Pforzheimer Hütte, den benötigten Schotter nicht mit dem Auto nach oben transportieren, sondern vor Ort fördern. Der Weg ist für Normalautos unpassierbar und auch für ausgesprochene Geländewagen wahrscheinlich nur mit Seilwinde zu bezwingen.

Der Weg durch das Schliniger Tal ist eine beliebte Dreiländer-MTB-Strecke. Hier der Blick auf den Wasserfall bei der Schwarzen Wand.
Der Weg durch das Schliniger Tal ist eine beliebte Dreiländer-MTB-Strecke. Hier der Blick auf den Wasserfall bei der Schwarzen Wand.

Der Blick auf die Schwarze Wand wird frei. Der Wasserfall des Metzbaches fällt rauschend in die Tiefe. Wir befinden uns auf halber Höhe der stürzenden Wasser. Der breite Weg der den zahlreihen Radfahrern dient schlängelt sich in zwei Kehren zu Tal. Wir Wanderer dürfen ihn für einen schönen Almensteig verlassen, indem wir in der ersten Kehre gerade aus, dem Wegweiser folgen. Für die Mountainbiker ist dieser Pfad gesperrt.

Ein Meer aus Alpenwiesenblumen
Ein Meer aus Alpenwiesenblumen

So wandern wir gemütlich, den mutigen Abfahrts-Radlern und den weniger mutigen Schiebe-Radlern zuschauend, mit der mächtigen Wand im Rücken zur Schliniger Alm hinunter. Nochmals steigt der Duft von rostblättrigen Alpenrosen- und zahlreicher anderen Alpenblumen in unsere Nasen. Ein Genuss der Düfte. Wunderbar.

Genuss in der Schlinger Alm

17:45 Uhr, wir haben die Schliniger Alm erreicht und kehren ein. In der vorderen Gaststube lassen wir uns nieder. Viel Hunger ist noch nicht vorhanden, dafür ist es für uns zu früh, aber für den „Gluscht“ ein Almbrettl das geht immer. Wir bestellen ein Viertel Wein und ein Almbrettl und freuen uns den Wandertag genüsslich ausklingen zu lassen. Derweil beginnt es draußen zu tröpfeln, sogar zu regnen. Uns ist das egal, wir sitzen in der gemütlichen Stube, bei einem kunstvoll angerichteten gemischten Aufschnitt, der nicht nur gut ausschaut, sondern auch vorzüglich schmeckt und haben jeweils ein Glasl Roten vor der Nase. Das Leben kann so genüsslich sein!

Brotzeit mit Almbrettl
Brotzeit mit Almbrettl

Die Chefin kommt zu uns heraus. Wir plaudern ein wenig über dies und das, über das letzte schwierige Jahr, über die Almgastwirtschaft und über die Hoffnung.

Der Appetit kommt bekanntlich beim Essen. So ist das Brettl mit Speck, Käse, Saurem und Kren schneller als gewollt Vergangenheit. Dem Andreas fällt die Aufschrift Marillenknödel auf der Tagestafel auf. Das wäre lecker. „Marillenknödel, geht das noch?“, fragen wir die Chefin. Ja das geht. Das kann sie machen, wenn wir ein klein wenig Zeit haben. Haben wir! Wer will schon nach Hause, wenn er auf einer Alm Marillenknödel schmausen kann? Wir erinnern uns, beide das gleiche, das geht nicht. Darum einmal Apfelstrudel und einmal Marillenknödel. Danke!

Apfelstrudel mit Vanilleeis
Apfelstrudel mit Vanilleeis

Den Mürbteig-Apfelstrudel bekommen wir mit einer Kugel Vanilleeis serviert. Das Eis ist nicht einfach aufs gerade wohl neben dem lecken Stück Strudel platziert, es liegt in einer weißen Blechtasse. Eine Emaille-Tasse mit blauem Rand steht zusammen mit dem Apfelstrudel auf dem Teller. Sofort weckt das bei mir Erinnerungen an den Nen. Der hatte auch so eine weiße Emaille-Tasse mit blauem Rand. Seine war bauchiger und etwas größer. Manchmal was Kaffee drin, meist aber nur Wasser. Beim Frühstück hat er sein Brot in die Tasse getaucht. Er hat es geliebt in mit Wasser durchweichtes Brot zu beißen. Oder war das Brot einfach nur zu hart? Früher hatte man selten frische Brötchen, es gab meist Tage alte Brote oder harte Breatln. Egal, in meinen Erinnerungen sehen nur den Nen, wie er mit seiner hageren, von harter Bergbauernarbeit gezeichneten Gestalt hinter dem Küchentisch sitzt, der runde Kopf mit den wenigen Haaren, die tiefen Falten auf der Stirn mit der markanten Narbe, das freundlich schauende Gesicht, die schlauen, ja fast listig blickenden Augen – der Nen war zwar ein einfacher Bergbauer, aber extrem belesen, seine Zeugnisse aus der Schulzeit waren nur mit ausgezeichnet versehen – wie er mit der Hand, der zwei Finger fehlten, sein Brot in eine große Emaille-Tasse taucht. Ich bin jemand der sich nicht weit zurück in die Vergangenheit erinnern kann, mit fehlt vieles aus meinen Kindertagen, aber vereinzelt mit den entsprechenden Triggern tauchen dann doch blitzartig solche Bilder auf.

Marillenknödel - ein Genuss!
Marillenknödel – ein Genuss!

Zum Teller mit dem Apfelstrudel und Tasse gesellt sich bald ein größeres. Zwei mächtige Mariellenknödel, braune bauchige Gesellen, mit gezuckerter Brotbröselkruste, einer mit Schokoladestreifen, beide weihnachtlich nach Zimt duftend, nebst einer essbaren Dekoration aus Orangenscheibe, Traubenkern, Kaffeebohne und einer weißen Creme auf Schokoladenstreifen und Erdbeerkonfitürepunkten. Weihnachten und Geburtstag zugleich! Wieder schießt mir eine Erinnerung durch den Kopf.

Die Lieblingsspeise meiner Geschwister und mir waren Zwetschgenknödel. Klar denn Süßigkeiten gab es für uns Kinder nie (nur die „Deitschen“ haben uns manchmal was mitgebracht). Weil das so war, waren süße Kartoffelknödel ganz selbstverständlich unsere Lieblingsspeise. Sie sind gleich gemacht wie die Marillenknödel, nur anstatt mit Marillenkern, mit Pflaumenkern. Unser Zwetschgenknödel waren viel kleiner und weißer (weniger Zimt) als diese herrlichen Marillenkollegen. Unsere Mutter hat die Zwetschgen ganz gelassen, sodass die Kerne noch drin waren. Außerdem hat sie – wenn sie schon dabei war – immer viele Knödel gemacht. Was übrig blieb wurde eingefroren. Wir Kinder durften also so viele süßen Kartoffelknödel verdrücken, wie wir wollten. Es war ein Genuss aber auch gleichzeitig ein Wettkampf. Es ging dabei nicht um Schnelligkeit, sondern darum wer zum Schluss am meisten Zwetschgenkerne hatte. Wer am meisten hatte, der war der Sieger und hat sich gefreut wie ein Schneekönig. Ich habe einmal 16 Kerne gehabt und anschließend dann auch ein wenig Bauchweh.

Von unseren heutigen Marillenknödeln könnte niemand 16 Stück essen. Das wäre sowieso eine Sünde, denn sie schmecken so vorzüglich, dass wir jeden Bissen langsam, genüsslich zelebrieren.

Der Andras ein Nietzsche Liebhaber würde nun sicher fragen:

„Kennt man die moralischen Wirkungen der Nahrungsmittel? Gibt es eine Philosophie der Ernährung?“ Friedrich Nietzsche, aus seiner „Fröhlichen Wissenschaft“

Ich mag Nietzsche nicht, kenne ihn zwar nicht, habe aber trotzdem eine Aversion gegen ihn. Er hat meinen „Teit“ (Pate) auf dem Gewissen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ein Cappuccino mit Liebe gemacht
Ein Cappuccino mit Liebe gemacht

Auf jeden Fall erhalten die Speisen der Schliniger Alm von mir nicht nur 5 Sterne in Ästhetik und Geschmack, sie erhalten von mir auch eine Auszeichnung fürs Wecken von Kindheitserinnerungen und dem Nachdenken übers Essen von früher und wie sich die Zeiten, vielleicht auch ein wenig die Moral zum Essen, geändert haben. Der Nen dessen höchster Genuss ein in Wasser getauchtes Brot war, wir Bauernkinder, die sich über Tage mit Zwetschgeknödel gefreut haben, wie wenn sie Geburtstag gehabt hätten – es hat früher nicht viel gebraucht um zufrieden und Freude zu haben. Auch heute ginge das auch noch, man muss es nur wollen!

Abschied von der Schliniger Alm
Abschied von der Schliniger Alm

20.00 Uhr. Draußen regnet es leicht. Macht nichts, bis Schlinig ist es nicht mehr weit. Außerdem ist der Weg nun asphaltiert. Ich ziehe meine Mütze über, der Andreas knippst einen Regenschirm auf und so schreiten wir trotz Regens, genüsslich zufrieden, sogar dem Regenabend können wir eine mystisch schöne Ästhetik abgewinnen – wahrscheinlich hat der süße Genuss unsere Stimmung in die allerhöchsten Ebenen gehoben – nach Schlinig zurück.

GPS-Track Schlinig-Sesvenna Pass-Föllakopf

GPX-Track , Position: -km, -m GPX

50 100 150 200 5 10 15 distance (km) elevation (m)
Name: Keine Daten
Entfernung: Keine Daten
Minimalhöhe: Keine Daten
Maximalhöhe: Keine Daten
Differenz max/min: Keine Daten
Höhengewinn (~): Keine Daten
Höhenverlust (~): Keine Daten
Dauer: Keine Daten

Fotos Genuss im Schliniger Tal

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